Über das Offenhalten von Rissen

Kolja Reichert ist Kunstkritiker, Autor und Redakteur der Zeitschrift Spike Art Quarterly. Seine Texte erscheinen unter anderem in frieze d/e und Art in America sowie in Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Der Tagesspiegel. Im Rahmen der diesjährigen Ausgabe von curated by_vienna trat er als Kurator in Aktion. „Produktion“ lautet der schlichte aber vielschichtige Titel der Gruppenausstellung, die er für die Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder konzipiert hat. 
    
 
       
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Still aus: Cécile B. Evans, Hyperlinks or It Didn't Happen (Trailer), 2015. HD video. Courtesy: die Künstlerin.


Sie arbeiten eigentlich als Kunstkritiker und Redakteur. Auch das Projekt curated by_vienna haben Sie in der Vergangenheit rezensiert. Für den Beitrag in Rosemarie Schwarzwälders Galerie nächst St. Stephan sind Sie nun in die Rolle des Kurators geschlüpft. Wie fühlt sich das an?

Großartig. Was mir an dem Format „curated by“ so gut gefällt, ist der diskursive Ansatz: Es gibt ein gemeinsames Thema, vor dessen Hintergrund 20 unterschiedliche kuratorische Handschriften Kontur gewinnen. Es ist ein Privileg, als Autor die monatelange Arbeit von Produzenten aus dem Abstand zu beschreiben, einzuordnen und als Avatar für die Öffentlichkeit einen bestimmten Blick zur Verfügung zu stellen. Aus früheren Einblicken in die Produktionsperspektive weiß ich, wie viele Missverständnisse und Enttäuschungen dabei entstehen können. Jetzt stehe ich selbst als Produzent ein und mache mich angreifbar. Man muss als Schreibender ja aufpassen, nicht in die Rolle des Witzeerklärers zu verfallen, der so tut, als könne man alles zu Ende erklären. Wenn man künstlerische Setzungen im Raum anordnet, befindet man sich viel mehr im Dialog, jedes kleinste Detail reagiert auf jedes andere. Ein Trick funktioniert allerdings beim Ausstellungsaufbau genauso wie beim Schreiben oder in der Redaktionsarbeit immer wieder verblüffend gut: im entscheidenden Moment etwas wegzunehmen.

Welche Essenz haben Sie aus Armen Avanessians Essay „Tomorrow Today“ gezogen, der curated by_vienna heuer theoretisch grundiert und im erweiterten Sinne um das Thema Kunst und Kapital kreist? Welche Fragestellungen haben Sie darauf bezogen für die von Ihnen kuratierte Ausstellung entwickelt?

Das Ausrufen eines Endes der Kunst und die Forderung nach Neuem ist ja eine altbekannte Avantgarde-Strategie und längst zum Grundprinzip allen Marketings geworden. Solche Finalismen sind meist sehr kurzlebig – auch ein Grund, warum ich Franz Erhard Walther zeige, dessen Werk alle Versprechen vom Ende des Kunstobjekts oder der Auflösung der Kunst im Leben seit den 1950ern produktiv verkompliziert hat. Ich würde aber absolut unterschreiben, dass die Trennung: hier die gute, unschuldige Kunst; dort der böse, korrumpierende Markt, unproduktiv ist. Kunst ist nicht an sich auf der Seite des Guten, sondern eingebunden in Kapitalströme, außerdem funktioniert sie heute selbst als Währung für den Handel von Status und Einfluss. Renzo Martens, der mit zwei Projekten in der Ausstellung vertreten ist, sagt, eine der Hauptproduktionen zeitgenössischer Kunst sei Gentrifizierung. Statt das zu beklagen, schlägt er vor, diese selbst zu kontrollieren: etwa indem er ein Gentrifizierungscamp auf einer Plantage in der Demokratischen Republik Kongo gründet und in Armut lebende Kakaobauern Schokoladeskulpturen für den Kunstmarkt entwerfen lässt. Was ich in Armen Avanessians Essay vermisst habe, war die Frage nach der Ästhetik. Ich meine nicht das Schöne und denke nicht an Autonomie, nur an eine Kernkompetenz der Kunst: einen formalen Unterschied zu setzen, der lange Zeit überdauert und den dominierenden Maßen ein eigenes, kontingentes Maß gegenüber stellt. Für KP Brehmer, einen Wortführer der Multiple-Bewegung, war die Zirkulation der Bilder so sehr Thema wie das Bild selbst. Mit seinen Diagrammen hat er die Konventionen der Kunst mit denen der Bürokratie ineinander geblendet. Das Ökonomische ist ästhetisch, das Ästhetische ökonomisch. Ökonomie, Politik und Ästhetik lassen sich nicht trennen und ihre Beziehungen nicht auf einfache Nenner bringen. Man kann sie nur immer wieder durchqueren, und dafür ist Kunst mit ihren Institutionen und auch dem Markt halt schon gut geeignet.

  Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht   Produktion,   2015  .   Foto: Markus Wörgötter.

Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht Produktion, 2015Foto: Markus Wörgötter.

  Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht   Produktion,  2015 .   Foto: Markus Wörgötter.

Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht Produktion, 2015. Foto: Markus Wörgötter.

 Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht  Produktion,  2015. Foto: Markus Wörgötter.

Galerie Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Ausstellungsansicht Produktion, 2015. Foto: Markus Wörgötter.

Der Ausstellungstitel „Produktion“ deutet darauf hin, dass es hier vor allem Kunst zu sehen gibt, die den Kontext ihrer Entstehung sichtbar macht. Wie weit fassen Sie den Begriff Produktion in der Schau?

Mich hat es gereizt, weniger in sich abgeschlossene Werke zu zeigen, sondern solche, in denen die Werkform suspendiert ist, wie in Franz Erhard Walthers „100m Schnur“, ein Bündel von 100 Metern Schnur. Oder bei Heinrich Dunst, der mehrmals rosafarbene Dämmplatten mit dem Logo des Herstellers „Austrotherm“ die Wand runter laufen lässt, wie Deko oder ein Display. Und Arbeiten, die über die Bedingungen ihres Hierseins Auskunft geben, wie Renzo Martens Film „Episode 3 (Enjoy Poverty)“, der die Ökonomie der Ausbeutung abbildet, die es mir erst erlaubt, ihn anzusehen. Statt Cécile B. Evans halbstündigem Film „Hyperlinks or It Didn’t Happen“ zeige ich einen kurzen Trailer, den sie für DISmagazine.com produziert hat. Und von Harun Farocki, der immer die eigenen Produktionsmittel mittels der eigenen Produktionsmittel untersuchte, zeige ich nur die letzte Szene seines Films „Nicht löschbares Feuer“, in dem die Frage der Verantwortung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung formal auf den Punkt gebracht wird. Mich interessieren die veränderten Produktionsbedingungen durch das Digitale mit seinen ständigen Übersetzungsprozessen und Kontextverschiebungen. Die Industrieproduktion shiftet in den Galerieraum, die Projektion von Martens’ Film überlappt sich mit einer Buchstabenskulptur von Heinrich Dunst, und die Logoform wandert von Franz Erhard Walthers Wortbild „XOX“ von 1957 über Martens’ Film und Dunsts Dämmstoff bis auf die Sockel für die Schokoladenskulpturen kongolesischer Plantagenarbeiter. Heinrich Dunsts Sockel für eine Skulptur von Emery Muhamba und Renzo Martens unten im Schaufenster setzen selbst noch die Form des Displays selbst in Klammern.

Mit dem Dokumentarfilm „Enjoy Poverty (Episode 3)“ des belgischen Künstlers Renzo Martens sowie den Schokoladeskulpturen des Künstlerbundes kongolesischer Plantagenarbeiter wird das Thema Produktion extrem gesellschaftskritisch in den Blick genommen. Diese Beiträge verhandeln die Tatsache, dass kapitalistische Warenproduktion unweigerlich mit Ausbeutung einhergeht. Dabei geht es in den Arbeiten vor allem auch um eine produktive Umkehr dieses Missstandes…

Martens’ Arbeit wird oft als gesellschaftskritisch betrachtet, wie auch die von KP Brehmer. Mir liegt viel daran, den Blick auf die Kühle ihrer Analyse zu lenken. Ihre eigentliche Innovation liegt in der Form. Statt die Ausbeutung der Armut in Bildern des Leids für ein westliches Publikum nur abzubilden, rekonstruiert Martens sie mit seiner eigenen Kamera. Der Betrachter wird damit nicht nur zum Zeugen, sondern selbst zum Gegenstand des entstehenden Bildes, ich erfahre meine Komplizenschaft am eigenen Leib und meinen Ort in der globalen Arbeitsteilung. Der Film ist ein Bild, das mir im Akt des Betrachtens in den Rücken schaut. Und gerade indem er formale Fragen über ethische zu stellen scheint, erlaubt er neue Perspektiven auf die Funktion von Ethik. Das ist Brecht in real life.

Wie verhält es sich demgegenüber mit der in der Ausstellung gezeigten Arbeit von Annika Kuhlmann und Christopher Kulendran Thomas, die unter dem Label Brace Brace Sicherheitsprodukte für das Luxussegment entwickeln und in der Galerie Nächst St. Stephan eine Studie für den Rettungsring „Life Ring“ präsentieren?

Annika Kuhlmann und Christopher Kulendran Thomas teilen Martens’ Kritik an einem idealistischen Selbstverständnis kritischer Kunst, das die eigene Komplizenschaft mit dem Kritisierten ausblendet. Wie Martens interessiert es sie, die Ökonomie selbst als künstlerisches Handlungsfeld zu nutzen. Der Rettungsring ist ein umgekehrtes Readymade: Ein Nutzgegenstand wird im Kunstrahmen lanciert, um mit dessen symbolischer Aufladung auf den Markt zu treten. Dabei markiert die Arbeit nicht nur einen Grenzfall der Werkform in der Produktform, sondern spielt auch mit der Form des Künstlers selbst: Der zieht sich hier in die Firmenform zurück und bietet gar kein greifbares Gegenüber mehr, mit dem sich über Kunst und Politik diskutieren ließe.

Kunstschaffende werden gerne als Seismographen gesellschaftlicher Verhältnisse bezeichnet. Kann Kunst Ihrer Meinung nach konkrete Veränderungen herbeiführen, beziehungsweise soll das überhaupt ihre Aufgabe sein?

Wenn man so klare und strategische Ansprüche formuliert, dann hat man schon ganz schön viele Abstriche gemacht, was die Erwartungen an Kunst und vor allem die eigene Neugier angeht. Ich erwarte von Kunst weder, dass sie die Welt schön auskleidet noch dass sie das bessere Fernsehen ist. Ich erwarte, dass sie den Boden um sich und mich herum aussägt und immer wieder klar macht, wie sehr wir im Offenen hängen.

Kolja Reichert


Produktion
curated by_Kolja Reichert
KünstlerInnen: BRACE BRACE (Annika Kuhlmann & Christopher Kulendran Thomas), KP Brehmer, Cercle d’Art des Travailleurs des Plantations Congolaises, Heinrich Dunst, Cécile B. Evans, Harun Farocki, Renzo Martens, Franz Erhard Walther
Ausstellungsdauer: 11.09.–24.10.2015
Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Grünangergasse 1, 1010 Wien
Mehr unter www.schwarzwaelder.at


Lesen Sie den Text von Armen Avanessian, der den an curated by_vienna: Tomorrow Today beteiligten KuratorInnen und Galerien als Ausgangspunkt diente.    

curated by_vienna wird organisatorisch und finanziell von der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure unterstützt.