Charim Galerie

 Exhibition View, Charim Galerie, curated by_Bassam El Baroni, 2016, Photo: Charim Galerie

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curated by_Bassam El Baron

Charim Galerie

 

Nemocentric

Aktuelle Perspektiven auf Staatsführung und Politik scheinen anfällig für eine Rhetorik enthemmter Subjektivität mit der Konsequenz eines Egozentrismus, der sich als politischer Wille ausgibt und eine Freiheit verspricht, die unerreichbar bleiben wird. Angesichts dessen blickt Nemocentric bei der Annäherung an das Thema Subjektivität durch eine Doppellinse, die sich einerseits auf die Neurowissenschaft und andererseits die Politik beruft. Zum einen wird Subjektivität auf einer Organismus-bezogenen Ebene erkundet, indem sie als Verfahren, Modell und Apparat, vermittelt durch Neuronen und Berechnungsmechanismen, identifiziert wird. Zum anderen wird sie als das Material sozialer und geschichtlicher Narrative gesehen, die populäre Konstrukte dafür geschaffen haben, was es bedeutet Mensch zu sein. Der Blick durch die Doppellinse legt die Notwendigkeit nahe, Subjektivität anders aufzufassen als eine bedeutsame Herangehensweise, deren Einfluss auf Bilder, Sounds und Objekte der Kunst das Politische zu beeinflussen vermag. Möglicherweise wird uns Subjektivität nicht als ein mehr oder weniger hilfreiches Mittel zur Bewältigung von geschichtlichen Ungerechtigkeiten und zukünftigen Herausforderungen dienen, sondern eher eine präzisere Darstellung davon, wie Subjektivität erzeugt wird und wie wir das zu unserem Vorteil nutzen können.

 

"Zuerst erzeugt unser Gehirn eine Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass wir sie nicht als ein Bild in unserem eigenen Geist erkennen können. Dann generiert es ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit. Dieses Bild umfasst nicht nur unseren Körper und unsere mentalen Zustände, sondern auch unsere Beziehung zur Vergangenheit und zur Zukunft sowie zu anderen bewussten Wesen."
 

Die Ausstellung ist von den Schriften des Philosophen Thomas Metzinger inspiriert, der die allgemeine Auffassung vertritt, dass es rein wissenschaftlich gesehen kein Selbst gibt. Laut Metzinger erlangen wir Bewusstsein „immer dann, wenn unser Gehirn erfolgreich seine geniale Strategie der Erschaffung eines einheitlichen und dynamischen inneren Porträts der Wirklichkeit verfolgt [...]. Zuerst erzeugt unser Gehirn eine Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass wir sie nicht als ein Bild in unserem eigenen Geist erkennen können. Dann generiert es ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit. Dieses Bild umfasst nicht nur unseren Körper und unsere mentalen Zustände, sondern auch unsere Beziehung zur Vergangenheit und zur Zukunft sowie zu anderen bewussten Wesen.“[1] Es handelt sich hierbei um die Selbstmodelltheorie von Subjektivität; es gibt kein Selbst wie wir es aus der Populärkultur kennen, es gibt ein Modell, eine Infrastruktur, die ein einheitliches Bild des Selbst für uns produziert. Das erklärt wieso manche Menschen, denen ein Bein oder ein Arm fehlt, immer noch so agieren oder fühlen als ob sie diese besäßen. Dieses Empfinden eines „Phantom-Gliedmaßes“ lässt sich durch eine Verzögerung in der Erstellung des inneren Bilds des Selbst erklären.

Das ist auch die Thematik, mit welcher sich die hier von Turner-Preisträger und Künstler Martin Boyce und Jungkünstler Miguel Ángel Rego präsentierten Werke auseinandersetzen. Die beiden Schwarzweiß-Fotografien von Boyce, Phantom Limb (Sister) und Concrete Autumn (Phantom Tree), stammen aus einer größer angelegten Serie aus Fotografien und Skulpturen, die zwischen 2002 und 2009 entstanden. Die für diese Serie konstruierten und fotografierten Objekte wurden alle aus Vintage-Beinstützen aus Sperrholz gefertigt, die vom amerikanischen Modernisten Charles Eames für Veteranen des Zweiten Weltkriegs entworfen wurden. Regos Kurzvideo Post-Contingent Coherence (2016) zeigt einen Pianisten, der an Anosognosie leidet, einer Erkrankung, bei der sich Menschen mit einer Behinderung der Existenz ihrer Behinderung nicht bewusst zu sein scheinen. In diesem Kontext ist auch das Projekt Addendum for the Myth of the Self (2016) des in Wien lebenden Künstlers Moussa Kone zu lesen. Kone fertigte eine Serie von Tuschezeichnungen auf der Grundlage von Metzingers Der Ego-Tunnel an. Die Zeichnungen wurden anschließend in Form von druckfertigen Beilagen zum Buch des Philosophen angeordnet, wobei sie jedoch in Form von zwei großen Abzügen ausgestellt sind.

In einem anderen Register präsentiert die in Kairo lebende Künstlerin Doa Aly ihre Videoarbeit House of Rumor (2016). Darin ähneln sich bewegende Subjekte synchronisierten akustischen Instrumenten. Sie artikulieren neueste und etwas ältere theoretische Texte und kreieren dabei einen unbarmherzigen, geradezu strafenden Strom an politischen Redeakten. Besuchern wird eine Chaiselongue von Le Corbusier auffallen, ein Signifikant, der den Unterschied zwischen der psychoanalytischen und der neurowissenschaftlichen Auffassung von Psychologie erklärt. David Panos’ Beitrag umfasst eine gänzlich neue Arbeit, bestehend aus drei Videos und Skulpturelementen. Sein Projekt setzt die Mode, den Tanz und die Gesten von Subkulturen im späten 20. Jahrhunderts in Bezug zur Gegenwart. Was ist in diesen kulturellen Fragmenten enthalten wenn sie in einem sich radikal veränderten Zusammenhang wieder aufgegriffen und in einen neuen Kontext gestellt werden? Die Bewegung der Subjekte wirft die Frage nach der Handlungsfähigkeit in Bezug auf die Jugendkultur auf. Kanalisiert oder widersteht der Körper Ideologie auf unbewusste Weise? Schließlich nimmt uns Amanda Beechs Video Sanity Assassin (2010) mit auf eine klaustrophobische Reise durch LA – zwischen Architektur und Natur, Subjektivität und Ethik, Theorie und Praxis entsteht ein pulsierender Thriller. Ausgehend vom Erbe europäischer Vordenker, die in LA im Exil gelebt haben, wie Brecht, Mann und Adorno beobachtet der Film, wie der Individualismus-Wahn, der seinen Ausdruck in der Mythologie der Kritik findet, in seinem scheinbaren Gegenteil zu verorten ist, in Erwartungder Kapitulation vor einer ‚realen‘ Naturgewalt.

Nemozentrismus – wie von Metzinger beschrieben – ist die Idee einer Subjektivität, die auf keinem einzelnen Subjekt basiert, da eine Vorstellung von Subjektivität, die den Beweis verwirft, dass es eigentlich gar kein Selbst gibt, anfällig ist für fehlgeleitete Auffassungen von Handlungsmacht, die auf Egoismus und Individualismus basieren. Nemocentric wirft einen verstohlenen Blick auf diesen Gedanken, indem die Arbeiten von Kunstschaffenden gezeigt werden, die entweder direkt oder indirekt diese Ansicht vermitteln. 

[1] Metzinger, Thomas. 2009. Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin Verlag, Berlin, S.21-22.

 

Works by
Doa Aly
Amanda Beech
Martin Boyce
Moussa Kone
David Panos
Miguel Ángel Rego

 

Bassam El Baroni ist ein unabhängiger Kurator, der in Alexandria, Ägypten, lebt. Er ist Fakultätsmitglied am Dutch Art Institute in Arnhem, Niederlande.

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