East by South West

 

curated by_2011

Das Galerienfestival mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren in Wien

 

curated by_vienna 2011 fand vom 12. Mai bis 18. Juni 2011 in 21 Wiener Galerien statt. Ausgangspunkt für curated by_vienna 2011 mit dem Titel „EAST by SOUTH WEST“ war die Bedeutung Wiens für zeitgenössische Kunst, Künstlerinnen und Künstler aus Ost- und Südosteuropa. 21 Kuratorinnen und Kuratoren wurden eingeladen, für die teilnehmenden Galerien Ausstellungen zu entwickeln.

Eröffnung: Donnerstag, 12. Mai 2011

Ausstellungsdauer: 12. Mai - 18. Juni 2011



Das Konzept

von Christoph Thun-Hohenstein

 

Orientierung in Zeiten geografischer Unmöglichkeit

So wenig wie es in der Musik einen „Sound of Vienna“ gibt (auch wenn dies zum Beispiel in den 1990er-Jahren von der Wiener Elektronikszene vielfach behauptet wurde), so wenig lässt sich die bildende Kunst einer Stadt vom kulturellen Range Wiens auf einen Nenner bringen. Zu vielfältig sind die künstlerischen Ansätze, zu verschieden ist die Ästhetik der Werke, zu aufgefächert sind die von den ProtagonistInnen relevanter Szenen verfolgten Konzepte und Strategien. Dem Himmel sei Dank, möchte man ausrufen, denn was wäre langweiliger, als alles über einen Kamm zu scheren! Von Langeweile (im Übrigen ein im digitalen Zeitalter bedrohlich häufig auftauchender Begriff ...) ist Kunst aus Ost- und Südosteuropa glücklicherweise ebenso weit entfernt wie davon, Einheitsbrei zu sein. Wenn bereits das strikte Labeling einer einzelnen Stadt aussichts- und einfallslos erscheint, so kann dies mit einer einen halben Kontinent umfassenden Region noch weniger gelingen. Die Frage ist daher nicht, wie Kunst aus dem für das vorliegende Projekt definierten geografischen Raum durch eine einheitliche Brille gesehen und bewertet werden kann, sondern worin allfällige Gemeinsamkeiten liegen, denen nicht unbeträchtliche Relevanz für künstlerische Entwicklungen und Weiterentwicklungen zukommt.

Für den hier interessierenden thematischen Rahmen kann eine solche Gemeinsamkeit künstlerischer Positionen und kuratorischer Ansätze in erster Linie darin erblickt werden, dass in den betreffenden Ländern noch immer keine gewachsene Normalität des jeweiligen Kunstsystems im Sinne eines (mehr oder weniger) strukturierten Zusammenwirkens von Galerien, SammlerInnen, Museen, Kunsthallen/-vereinen, KritikerInnen und anderen AkteurInnen zeitgenössischer Kunst herrscht, sondern sich im Gefolge bzw. in Begleitung der wirtschaftlichen Transformations- und Modernisierungsprozesse erst allmählich Eckpunkte für eine neue dies- bezügliche „Kultur“ herausbilden. Zugleich hat sich das von westlichen Kunstsystemen maßgeblich geprägte globale Kunstsystem (mit einigen wenigen weltweit agierenden Galerien, Museen, KuratorInnen, KritikerInnen, Kunstzeitschriften etc.) über diese Länder gestülpt, indem es einerseits das kommerziell international leicht „Verwertbare“ abschöpft und andererseits „attraktive“ marktkritischere Szenen dieser Länder in Biennalen und Symposien sowie (nicht selten eher oberflächlichen) Überblicksausstellungen und Regionalschwerpunkten abbildet.

Beim vorliegenden Projekt geht es weder um eine vordergründig kommerzielle Verwertung zeitgenössischer Kunst aus der genannten Region noch um ihre rein museale Darstellung. curated by_vienna ist ein Projekt sui generis, das vor über drei Jahren von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, aus der Überlegung heraus gestartet wurde, parallel zur Wiener Kunstmesse Viennafair mit einem weltweit neuartigen Ansatz eine systematische Kooperation der besten Wiener Galerien mit exzellenten internationalen KuratorInnen zu fördern. Angesichts des Zusammenhangs mit der Viennafair lag es nahe, deren langjährigen sogenannten CEE-Schwerpunkt früher oder später im Rahmen des curated by_-Projekts direkt zu thematisieren – dies auch vor dem Hintergrund, dass nicht nur Wiener Galerien, sondern auch Museen, andere (Non- pro t)-Kunsteinrichtungen, Kunstzeitschriften und speziell der universitäre Bereich in dieser Stadt maßgebliche Beiträge zur Qualität der kulturellen Produktion und Vernetzungsdichte zu diesem Thema leisteten und nach wie vor leisten. Die 2011 stattfindende dritte Ausgabe von curated by_ erschien auch angesichts einer neuen künstlerischen Leitung der Viennafair als sinnvoller Zeitpunkt, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

departure hat daher den Galerien vorgeschlagen, die Wien seit langem zugesprochene Kompetenz betreffend Mittel- und Osteuropa angesichts der zunehmend globalisierten zeitgenössischen Kunst auf den Prüfstand zu stellen. Dabei schien es sinnvoll, diesen geografischen Raum zu öffnen und beispielsweise die baltischen Staaten, Russland, aber auch die Türkei mit einzubeziehen, – also wie die eigentlichen CEE-Staaten – allesamt Länder, in denen die zeitgenössische Kunst in gewissen Aspekten noch immer Bedingungen unterworfen ist, die sich von jenen in homogen gewachsenen westlichen Kunstsystemen doch markant unterscheiden. eine geografische Unmöglichkeit beschreibend, thematisiert EAST by SOUTH WEST die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst aus einem erweiterten ost- und Südosteuropa in einer Welt und Zeit, die von „westlich“ und zu- nehmend „südlich“ beeinflussten globalen Mechanismen und Denkweisen bestimmt werden. Der Verweis auf den Süden soll dem rasant gestiegenen Einfluss dortiger Kunstszenen auf die Globalmechanismen in der zeitgenössischen Kunst Rechnung tragen, wie er beispielsweise seitens Lateinamerikas und dortiger SammlerInnen bei Kunstmessen wie der art Basel Miami Beach und aRCo deutlich zum Ausdruck kommt.

Was den kuratorischen Ansatz betrifft, lag es – nach dem 2010 verfolgten Weg, die curated by_-Ausstellungen von Künstlerinnen kuratieren zu lassen – nahe, beim diesmal gewählten Thema den Schwerpunkt wieder auf BerufskuratorInnen zu verlagern: im soliden Kunstsystem westlichen Zuschnitts erscheint der unkonventionelle Zugang, der künstlerisches Kuratieren in der Regel auszeichnet, für neue Sichtweisen wichtig und belebend, in weniger geordneten Konstellationen ist hingegen Grundlagenarbeit, wie sie von hauptberuflichen Kuratorinnen eher geleistet werden kann, besonders wertvoll.

Die Anzahl der teilnehmenden Galerien wurde dieses Jahr auf 21 erhöht. Jede Galerie suchte die für ihr Profil in diesem Zusammenhang bestgeeignete Kuratorenpersönlichkeit und legte mit dieser die zu präsentierenden künstlerischen Positionen einschließlich der Frage, ob einzel- oder Gruppenausstellung, fest. Dieser flexible Grundansatz konnte optimiert werden, indem departure in Simon Rees einen bezüglich des Themas exzellent ausgewiesenen Experten als kuratorischen Koordinator gewinnen konnte, der die Galerien bei ihrer Kuratorinnensuche beriet und in enger Absprache mit departure auf die für das Gesamtprojekt angestrebte Vernetzungsqualität und kuratorische Stringenz achtete.

Das Ergebnis kann, so ist zu hoffen, die besonderen Stärken von curated by_ auch dieses Jahr ausspielen, nämlich anstelle eines enzyklopädischen Anspruchs, mit Vielfalt bei höchstem Qualitätsanspruch zu punkten. es geht somit bei EAST by SOUTH WEST weniger darum, die Kompetenz Wiens bezüglich eines geografischen Raums historisch durch die letzten Jahrzehnte gesamthaft aufzuarbeiten, sondern mit exemplarischen Ausstellungen anno 2011 aufzuzeigen, wie Wien als weltweit vernetzter Galerienstandort mit einer so wichtigen und facettenreichen Fragestellung umgeht und welche Erkenntnisse zum gewählten Thema ein derart vielschichtig ansetzendes Projekt zu vermitteln vermag.

Christoph Thun-Hohenstein

 

Christoph Thun-Hohenstein (*1960 in Wolfsberg) promovierte zum Dr. iur. und Dr. phil. (Politikwissenschaft/Kunstgeschichte), war in Auslandsposten für das Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten tätig, leitete 1999–2007 das Austrian Cultural Forum New York und ist seit November 2007 Geschäftsführer von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien.