Hello Bob!

Sebastian Cichocki arbeitet als Chefkurator und Vizedirektor am Museum für Moderne Kunst in Warschau. Er ist außerdem Autor von Ausstellungen in Buchform, die Titel wie A Cookbook for Political Imagination (2011), The Future of Art Criticism as Pure Fiction (2011), Spoken Exhibitions (2011) und Earth Works! (2013) tragen. Im Rahmen von „curated by_vienna: Tomorrow Today“ kuratierte Cichocki für die Knoll Galerie Wien eine Gruppenausstellung, die sich mit dem künstlerischen Erbe der Konzeptkunst und der Land Art beschäftigt und auf das Buchprojekt Mirage (2013) zurückgeht.
 Lukasz Jastrubczak,  Reconstruction of the Photograph and the Sentence,  2015. Modell, Licht, Stein, 50 x 23 x 80 cm. Courtesy: David Radziszewski Galeria. Installationsansicht Knoll Galerie Wien, 2015. 

Lukasz Jastrubczak, Reconstruction of the Photograph and the Sentence, 2015. Modell, Licht, Stein, 50 x 23 x 80 cm. Courtesy: David Radziszewski Galeria. Installationsansicht Knoll Galerie Wien, 2015. 


Die Ausstellung „Hollow Blocks in a Windowless Room“ könnte auch „Hommage an Robert Smithson“ titeln. Denn um dessen künstlerisch-theoretische Hinterlassenschaft kreisen die meisten der in der Knoll Galerie Wien ausgestellten Werke, die der Kurator Sebastian Cichocki und der Künstler Lukas Jastrubczak in Dialog zu Jastrubczaks Film „Mirage. In Order of Appearance“ treten lassen. Dieser wiederum geht auf das Buchprojekt Mirage zurück, dem ein  künstlerisch-kuratorisches Ping-Pong aus Bildern und Texten zugrunde liegt: Zwischen Dezember 2011 und Februar 2012 fertigte Jastrubczak im Zuge einer USA-Reise Fotografien an, die er an Cichocki schickte, der darauf aus Polen mit Texten antwortete, die auf Robert Smithsons Schriften, vor allem dessen Aufsatz „Minus Twelve“ (1968), aber auch auf  Texten anderer Kunstschaffender aus den 1960er und 1970er Jahren sowie auf  eigenen literarischen Fiktionen basieren. Die Emails des Kurators an den Künstler waren dabei nicht nur Reaktion auf das erhaltene Bildmaterial sondern zugleich auch Leitfaden für die weitere Vorgangsweise des Künstlers. Herausgekommen ist dabei eine Abenteuergeschichte in 50 Kapiteln und 50 Bildern. Momente real stattgefundener Kunstgeschichte blitzen darin ebenso auf wie fiktive Elemente. 

Im Sommer 2014 entstand dann der Film zum Buch. Künstler und Kurator begaben sich dafür an die Schauplätze der literarischen Vorlage. Menschen, denen sie zufällig auf ihrer Reise begegneten, wurden gebeten aus Mirage vorzulesen. Auch Robert Smithson selbst kommt zu Wort, in Gestalt einer Marionette, die dem Aussehen der Land-Art-Ikone bestens nachempfunden ist.

In seinen Schriften setzte sich Robert Smithson mit der Beziehung zwischen Kunstwerk und Umfeld auseinander, entwickelte dort seine Theorie über Sites und Nonsites, jener Kunst, die sich in der Landschaft entfaltete  und jenen Artefakten, die er darauf bezogen für den Ausstellungsraum entwickelte – darunter etwa Gesteinsbrocken von den jeweiligen Orten, die er dann in Metallbehältern zeigte, Sandhaufen, die er zwischen Glas und Spiegel setzte sowie kartografisches Material, Fotografien, Skizzen und Notizen. 
Das Konzept der Sites und Nonsites klingt schon im Ausstellungstitel „Hollow Blocks in a Windowless Room“ an. Die darauf bezogene Arbeit stammt von Lukas Jastrubczak, der Smithson auch in anderen Arbeiten Referenz erweist. In der Audioinstallation „Walking on the Spiral Jetty“ etwa, die in Form einer Schallplatte das Windgetöse zu Smithsons Schlüsselwerk verewigt ( 220,- Euro / Exemplar, Auflage 20). 

 Lukasz Jastrubczak,  Walking on the Spiral Jetty , 2014/15. Field recording, side A 4’39’’, side B 7’06’’.

Lukasz Jastrubczak, Walking on the Spiral Jetty, 2014/15. Field recording, side A 4’39’’, side B 7’06’’.

 Malgorzata Mazur,  Untitled (Kent),  2014. C-print, 180 x 120 cm.

Malgorzata Mazur, Untitled (Kent), 2014. C-print, 180 x 120 cm.


Auch Malgorzata Mazurs fotografische Spurensuche führt in einstiges Smithson-Terrain. So zum Beispiel an jene Stelle am Campus der Kent State University, Ohio, an der sich einst „Partially Buried Woodshed“ (1970) befand, ein „Earthwork“, für das Smithson das Dach einer Holzhütte mit Erde belasten ließ, bis ein Stützbalken brach. Die Umgebung Smithsons letzten Land-Art-Projekts „Amarillo Ramp“ in New Mexico rückt in einer der großformatigen Aufnahmen der Künstlerin ebenfalls in den Blick. Smithson konnte dieses Projekt nicht mehr selbst vollenden. Als er am 20. Juli 1973 das Gebiet vom Flugzeug aus erkundete, stürzte dieses ab.

 Robert Barry,  Untitled (lemon),  2004. Acryl und Tinte auf Papier. 32 x 26 cm. 

Robert Barry, Untitled (lemon), 2004. Acryl und Tinte auf Papier. 32 x 26 cm. 

 Susanne Kriemann, U ntitled (nuclear) II , 2013. Inkjet-Print auf Hahnemühle PhotoRag, 140 x 110 cm.

Susanne Kriemann, Untitled (nuclear) II, 2013. Inkjet-Print auf Hahnemühle PhotoRag, 140 x 110 cm.


Ein Altmeister der Konzeptkunst, Robert Barry, ist in der Ausstellung ebenfalls vertreten, unter anderem mit seinem „Telepathic Piece“, das nicht physisch, sondern nur in der Vorstellungskraft existiert. Susanne Kriemann, Pawel Kruk und Agnieszka Polska haben gleichfalls, wie es im Begleittext zur Schau so schön heißt, ihre „Gastauftritte“. Wobei Pawel Kruk die künstlerische Methode der Aneignung (Appropriation) und den Aspekt der „Hommage à“ durchaus in eine ironische Richtung zu lenken versteht. Sein Video „The Lost Interview“ bezieht sich auf ein 1971 verloren gegangenes Fernsehinterview mit dem Kampfkünstler und Schauspieler Bruce Lee – dem einzigen, das dieser in Englischer Sprache je gegeben hatte. Erst 1994 tauchte die Aufzeichnung wieder auf. Unter Verwendung der Tonspur dieses Interviews imitiert Pawel Kruk in seiner Arbeit die Körpersprache Lees. Durchhaltevermögen und Disziplin, zwei Qualitäten, deren Bedeutung Lee für den Kampfsport besonders betont, werden durch Kruks Adaption auf die künstlerische Existenz übertragen.

 Agnieszka Polska,  Haroun,  2012. C-print, exhibition copy.

Agnieszka Polska, Haroun, 2012. C-print, exhibition copy.


Hollow Blocks in a Windowless Room
curated by_Sebastian Cichocki
KünstlerInnen: Lukasz Jastrubczak, Robert Barry, Susanne Kriemann, Pawel Kruk, Malgorzata Mazur, Agnieszka Polska
Ausstellungsdauer: 11.09.–14.11.2015
Knoll Galerie Wien, Gumpendorferstraße 18, 1060 Wien
Mehr Information www.knollgalerie.at


Die Ausstellung ist Teil von curated by_vienna, das organisatorisch und finanziell von der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure unterstützt wird.

Das theoretische Fundament für die 20 am Projekt beteiligten Galerien und  KuratorInnen bildete der vom Philosophen Armen Avanessian verfasste Essay „Tomorrow Today“.