Tomorrow Today

 

curated by_2015

Das Galerienfestival mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren in Wien

 

2015 fand das Galerienfestival curated by_vienna zum siebten Mal statt. Den titelgebenden Essay Tomorrow Today verfasste der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Autor Armen Avanessian.

Die Überlegungen zur Schnittstelle zwischen Kunst und Kapital waren für die 2015er Ausgabe impulsgebend. Für das theoretische Konzept, das den beteiligten Galerien, Kuratorinnen und Kuratoren als Grundlage für die inhaltliche Ausrichtung ihrer Ausstellungen diente, konnte die Wirtschaftsagentur Wien den Philosophen und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian gewinnen. Avanessian, der in der deutschen Ausgabe des Technologiemagazins Wired als einer der „Innovatoren und Vordenker“ des Jahres 2015 bezeichnet wurde, ist Autor und Herausgeber mehrerer Monographien und Sammelbände, die sich unter anderem mit „spekulativer Poetik“ beschäftigen.

Science Fiction sei heute der bessere, wenn nicht sogar einzig mögliche Realismus, schreibt Avanessian in seinem eigens für curated by_vienna 2015 verfassten, titelgebenden Essay „Tomorrow Today“, der auch in dieser Publikation zu finden ist. Er verweist dabei auf ein Zitat von J. G. Ballard und nimmt diesen Gedanken für Tomorrow Today zum Anlass, um unsere künstlerische, ökonomische und politische Gegenwart aus der Perspektive der bereits angebrochenen Zukunft zu betrachten. Mit seiner Themenfindung hat er den inhaltlichen Anstoß für die insgesamt 20, von internationalen Kuratorinnen und Kuratoren konzipierten Galerieausstellungen gegeben hat.

curated by_vienna intensiviert die Zusammenarbeit zwischen Wiener Galerien für zeitgenössische Kunst und international renommierten Kuratorinnen und Kuratoren. 2009 von departure, dem Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, und ausgewählten Protagonistinnen und Protagonisten der lokalen Galerienszene initiiert, hat sich curated by_vienna als wichtiger Impulsgeber etabliert, der international Anerkennung genießt. Die an curated by_vienna teilnehmenden Galerien konzipierten jeweils in Zusammenarbeit mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren Ausstellungen zu diesem Thema.
 


Das ganze Konzept von Armen Avanessian lest ihr unten nach. 



Das Konzept

von Armen Avanessian

 

Tomorrow Today

Dass Science Fiction heute der bessere, wenn nicht sogar einzig mögliche Realismus ist, diesen GedankenJ. G. Ballards nimmt Tomorrow Today zum Anlass, um unsere politische, ökonomische und künstlerische Gegenwart aus der Perspektive der bereits angebrochenen Zukunft zu betrachten. Die mit der gegenwärtigen Finanzkrise in die Kritik geratene spekulative Finanzökonomie zwingt uns möglicherweise zu einer Jahrzehnte lang verdrängten Einsicht: Der uns bekannte Kapitalismus existiert vielleicht gar nicht mehr – auch wenn wir uns dessen nur allmählich bewusst werden.

Die jahrzehntelange Latenzzeit dieser Erkenntnis fällt auch mit der Geschichte der contemporary art zusammen, welcher genau jene zeitliche Orientierung fehlte, die das Merkmal der historischen Avantgarden und der modernen Kunst gewesen war: der mögliche (gesellschaftliche) Fortschritt in der Zukunft als Fixstern der Gegenwart. Die zeitgenössische Kunst wäre demnach Signum jenes derivativen oder spekulativen Finanzsystems, das uns jeder Zukunft und Gegenwart beraubt hat. Denn jede zukünftige Gegenwart wird darin auf eine auf Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung im Voraus kalkulierte gegenwärtige Zukunft reduziert. Die anstehenden Ereignisse sind lediglich die Fortsetzung des Altbekannten, der Vollzug des bereits Eingepreisten. Es ist dieses Finanz- und Gesellschaftssystem, dessen Zeitgenosse die Kunst der letzten Jahrzehnte war.

Tomorrow Today versteht sich im Gegensatz dazu als Experimentierfeld für neue kunst-ökonomische Projekte und begreift die Schnittstelle zwischen Kunst und Kapital auch als eine politische. Der These folgend, dass wir uns in einer Phase des Übergangs und der Neuformation befinden, lautet die Frage, ob und inwiefern uns künstlerische Imaginationen und poetische Praktiken helfen können, den Eintritt in eine postkapitalistische Gesellschaft zu beschleunigen, statt die allmähliche Annäherung an postdemokratische Zustände (Ästhetisierung des Alltags, Gentrifizierung, Kunstmarktblase, Biennale-Tourismus) passiv zu begleiten. Denn nach der Postmoderne erkennen wir: Das Ende der (Kunst-)Geschichte ist noch nicht erreicht, weder der liberale westliche Kapitalismus noch das von ihm global expandierte Genre contemporary art werden ihr letztes Wort gewesen sein. 

art as currency

Inmitten der zahlreichen zunehmend orientierungslosen Strömungen der kritischen Gegenwartskunst treffen wir heute nicht zufällig immer öfter auf akzelerationistische Positionen, die, statt „kritischen“ Abstand zum Markt zu simulieren, eine diametral entgegengesetzte Richtung einschlagen. Von großer Bedeutung ist hier die Verschiebung der Aufmerksamkeit von künstlerischer Produktion oder ihrer ästhetischen Erfahrung hin zu Fragen der Agency, dem Veränderungspotential von Bildern, Gegenständen oder Archiven in ihren jeweiligen Zirkulations- bereichen. An die Stelle von distanzierten ästhetischen Reflexionen treten dabei ein gestaltender Eingriff und die praktische Auseinandersetzung etwa an der Schnittstelle zur Mode oder celebrity culture (Lifestyle Branding, Imagekampagnen, Marketingstrategien) oder an derjenigen von Kunst und Wissenschaft (Big Data, Klimawandel). Auffällig ist hierbei ein großes Interesse an Formen der Teilhabe, an rekursiver Aneignung und Umprogrammierung der jeweiligen technologischen, medialen oder ökonomischen Plattformen (Virtual Money, Bitcoin).

Aber worin genau besteht die Komplizenschaft von Kunst und Kapital? Und was ist Kapital überhaupt, wenn es nicht Markt, Wirtschaft, Konsum, oder schlicht Geld ist? Genau genommen handelt es sich bei „Kapital“ um eine soziale Größe, die dann auch Übersetzungen von kulturellen, sozialen, ökonomischen und anderen Kapitalformen ermöglicht (exemplarisch hier die Schamlosigkeit, mit der „kritische“ Intellektuelle am laufenden Band mehrwertproduzierende Katalogtexte hervorbringen). Lautstark geführte Debatten um die Preisbildungsstrukturen des Kunstmarkts (zuletzt um die vermeintlich illegitimen Flipper etc.) müssen vor dem Hintergrund verstanden werden, dass sämtliche kulturelle und gesellschaftliche Prozesse unlösbar mit dem Kapital verbunden sind. Kapital ist eine soziale Relation, ein sich ständig verschiebendes Machtverhältnis.

speculating beyond

Haben wir es in der Kunst schon seit Längerem mit einem spekulativen Regime zu tun, das auch für das tendenzielle Verschwinden von Zukunft eine Mitverantwortung trägt und dessen inhärente Logik und Grenze wir erst langsam ausbuchstabieren lernen? Das Phänomen der Preisgestaltung, die der Expertise, dem Geschick und letztlich dem Einflussgrad der unterschiedlichen market player obliegt, spielt dabei eine entscheidenden Rolle, wobei der künstlerischen Bedeutung von Kunstwerken, ihrem kritischen Gehalt oder ihrer kunsthistorischen Relevanz eine vor allem ideologische Funktion zukommt. Wenn dem so ist, dann müssten wir die liebgewonnene Überzeugung vom konstitutiven Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Markt geradezu umkehren. Dann nämlich läge der Schluss nahe, dass gerade die durch keine Preisfunktion zu berechnende Unbezahlbarkeit der Kunst sie zu einem perfekten Spekulationsobjekt gemacht hat. Oder ist die zeitgenössische Kunst, wie das zuletzt behauptet wurde, mittlerweile sogar zum Vorbild und Übertragungsmechanismus einer alle Gesellschaftsbereiche durchdringenden universellen Finanzialisierung geworden?

Angesichts der gegenwärtigen Systemkrise drängt sich eine Neueinschätzung der vor unseren Augen kollabierenden Schuldenökonomie geradezu auf. Lässt sich die durch High-Frequency Trading und algorithmischen Derivatenhandel zunehmend von jeder Realökonomie losgelöste Finanzspekulation überhaupt noch durch bessere Regulierung unter Kontrolle bringen, wie es die Regierungsparteien der europäischen Mitte anvisieren (die Anhänger einer neoliberalen Wirtschaftspolitik nicht weniger als ihre sozialdemokratischen „Gegner“)? Oder beobachten wir im Gegenteil die letzten Züge eines moribunden politisch-ökonomischen Ordnungssystems namens „Kapitalismus“, was wiederum mit gravierenden Konsequenzen für die Produktions- und Distributionsbedingungen von Kunst verbunden wäre?

gallery 2.0

Im Wissen um die technologischen (digitalen, algorithmischen) Voraussetzungen der gegenwärtigen Ökonomie liegt aber auch die Chance, diese Prämissen neu und anders ins Spiel zu bringen. curated by_vienna lotet alternative ökonomische und künstlerische Strategien aus, die heute möglich sind.

Auf Seiten der künstlerischen Praktiken besteht hier zunächst einmal der Bedarf, die entsprechenden ökonomischen Zusammenhänge explizit zu thematisieren und damit für eine Neuausrichtung verfügbar zu machen. Und welche Möglichkeiten würden sich Galerien in der Folge bieten, wenn sie nicht ständig – dabei oft im Schatten einiger weniger global player ihren finanziellen Ruin riskierend – immer neue Kunstmessen mit dem neuesten zombie formalism, dem allerjüngsten emerging artist oder immer weiteren Exponaten angeblicher criticality bestückten, sondern stattdessen neue und innovative Geschäftsmodelle entwickeln würden? Aus diesem Grund sucht curated by_vienna nach alternativen ökono- mischen Strategien und Distributionsformen, und zwar im Zusammentreffen schon formulierter künstlerischer Ansätze mit einer jungen Generation an KünstlerInnen und KuratorInnen, die als digital natives und Seismographen einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie optimistisch mit poetischen und künstlerischen Vorgehensweisen experimentieren, statt zu glauben vor der allumfassenden Kapitalisierung in folkloristische Nischen ausweichen zu können. Aus einer anti-nostalgischen, akzelerationistischen Perspektive stellt sich hier mit Blick auf das vieldiskutierte Verhältnis von Kunst und Kapital die Frage, inwiefern es KünstlerInnen (etwa in Form von Firmengründungen und ähnlich offensiven Strategien) gelingen kann, die Veränderungen jener Distributionsformen emanzipatorisch zu steuern, die die traditionellen Ausstellungsformate in Galerien und Museen im Internetzeitalter schon heute zu anderen Vorgehensweisen zwingen.

accelerating (contemporary) art

Aus einer spekulativen und unzeitgemäßen Perspektive erweist sich das Prinzip der spectatorship als Ausdruck des zu Ende gehenden Fernsehzeitalters. Verlangt die Allgegenwärtigkeit von sozialen Medien, die ihre user nicht als passive BetrachterInnen behandeln, sondern als konkretes und aktives Material, das aus finanziellem Interesse für diverse algorithmische Zwecke und Datenprozessierung nutzbar ist, nicht nach ganz anderen künstlerischen Strategien? Die zentrale Frage richtet sich denn auch weniger auf den Nutzen und Nachteil sozialer Medien oder neuer Kommunikationstechnologien, sondern auf deren Navigations- und Kontrollmöglichkeiten. Die heute entscheidenden Medien sind als Schnittstellen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem (Bio-Hypermedia) zu verstehen; künstlerische Aktivitäten sind demzufolge immer öfter in erweiterte technologische und ökonomische Alltagsprozesse integriert, während die dabei entstehenden „finalen“ Ausstellungsobjekte auch zu Zwischenstadien innerhalb eines weitergehenden Wirkungsprozesses werden können. Auch hier zeigt sich die Notwendigkeit, mit neuen Modellen oder Kombinationen von Kunst und Ökonomie zu experimentieren. Das von der Wirtschaftsagentur Wien ausgerichtete Galerienfes- tival curated by_vienna bietet eine einzigartige Plattform für eine solche Erkundung der Zukunft. 

Armen Avanessian

 

Armen Avanessian

Armen Avanessian ist Philosoph, Literaturwissenschaftler, Autor und Chefredakteur des MERVE Verlags. Er lebt und arbeitet in Berlin.