Utopia, Dystopia, Zukunft?

Wie soll man Kapital und Konsum in einer Region beschleunigen, in der sie schon auf Hochgeschwindigkeit sind? Mit Werken von Kunstschaffenden aus den Ländern am arabischen Golf reagiert die Kuratorin Myriam Ben Salah in der Galerie Steinek auf Fragen wie diese und auf das diesjährige Thema des Galerien-Kuratoren-Projekts curated by_vienna, das unter dem Motto "Tomorrow Today" das Ineinandergreifen von Kunst und Kapital, Gegenwart und Zukunft zur Diskussion stellt.
 Galerie Steinek,  Like the Desserts Miss the Real,  2015. Aussenansicht: GCC,  The One and Only Madinat New Museum Royal Mirage,  2014. Foto: eSeL.at

Galerie Steinek, Like the Desserts Miss the Real, 2015. Aussenansicht: GCC, The One and Only Madinat New Museum Royal Mirage, 2014. Foto: eSeL.at


Den Britischen Autor J. G. Ballard zitierend schreibt der Philosoph und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian in seinem Konzepttext für "curated by_vienna : Tomorrow Today", dass "Science Fiction heute der bessere, wenn nicht sogar einzig mögliche Realismus" sei. Diesen Gedanken nimmt Avanessian in Folge zum Anlass, um über die ökonomische, politische und künstlerische  Gegenwart aus einer spekulativ angedachten Zukunftsperspektive nachzudenken und – entsprechend der als Akzelerationismus bezeichneten politischen Philosophie – zu fragen, "ob und inwiefern uns künstlerische Imagnationen und poetische Praktiken helfen können, den Eintritt in eine postkapitalistische Gesellschaft zu beschleunigen (…)."

Kuratorin Miryam Ben Salah fragte sich darauf bezogen, "wie man als KünstlerIn aus einer Region, in der ohnehin alles schon auf Hochtouren läuft, auf diesen Umstand reagiert? Will man die Dinge noch mehr beschleunigen oder will man Widerstand leisten, indem man dieser Entwicklung Stille oder Bewegungslosigkeit entgegenhält? Welches Verständnis von Zukunft entwickelt man, wenn man in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Science-Fiction in der Tat die beste Art von Realismus darstellt?" (Miryam Ben Salah im Interview mit art and signature). 

Die Ausstellung "Like the Desserts Miss the Real" macht anhand der Arbeiten von fünf Positionen Momente des Stillstands ebenso spürbar wie solche der Beschleunigung:

Real Fiction: Das aus Kreativen unterschiedlicher Disziplinen bestehende Kollektiv GCC bedient sich  eines Bildrepertoires, das aus Werbung und Brand Management vertraut erscheint. Wie in einer Lobby in einem Fake-Style-Hotel in Las Vegas kommt man sich angesichts der Fototapeteninstallation "The One and Only Madinat New Museum Royal Mirage" vor, die nun die Fensterfronten der Galerie ziert. 

 Hintergrund: GCC, Detail aus  The One and Only Madinat New Museum Royal Mirage,  2014. Vordergrund:  GCC,  Wish We Were Here, Postkarten,  2015. Foto: Carol Tachdjian.

Hintergrund: GCC, Detail aus The One and Only Madinat New Museum Royal Mirage, 2014. Vordergrund:  GCC, Wish We Were Here, Postkarten, 2015. Foto: Carol Tachdjian.

Der Duft einer Region: Was riechen wir, wenn wir an einen bestimmten Ort denken? Die Arbeit "Oud Aura" von Raja’a Khalid (* 1984, Saudi Arabien) ist als Kommentar zur Vermarktung lokaler oder nationaler Identität zu verstehen. Aus einem Duftzerstäuber strömt orientalisch anmutendes Odeur. Oud ist sein Name. Das Oud-Öl wird aus dem Harz des Adlerholzbaumes gewonnen, der überwiegend in Südostasien beheimatet ist. Die natürlichen Ressourcen sind so gut wie erschöpft. Kleine Mengen an Oud kosten daher mehr als vergleichbare Mengen Gold. Im arabischen Raum kennt man den intensiven, aphrodisierenden Duftstoff schon seit über 2000 Jahren. In der westlichen Welt wurde das teure Gut in den vergangenen Jahren zum Parfüm-Trend. Erst im Vorjahr hat sich der Parfumhersteller Fragrance Du Bois die Produktion von natürlichem Oud patentieren lassen. Die Künstlerin will es dem Konzern gleichtun, indem sie die Duftessenz nun für künstlerische Zwecke zu sichern versucht.

Pure Ironie: Abdullah Al Mutairi (* 1990, Kuwait) behandelt in seinen Arbeiten das Ineinadergreifen von Gender, religiöser Identität und Technologie. Sein Beitrag zur Ausstellung ist eine mehrteilige Videoinstallation, in der wir dem Künstler als Cross-Gender-Multiplikation seiner selbst begegnen, die in einer explosionsartigen Flut aus stereotypisierten Medienbildern aufgeht und dabei seinem Heimatland Kuwait ein Liebeslied singt. 

Abdullah Al Mutairi, Like The Desserts Miss the real, curated by Miryam Ben Salah, Galerie Steinek, 2015

Stiller Protest: Sarah Abu Abdallah (* 1990, Saudi Arabian) ist mit ihrer Videoperformance "Saudi Automobile" (2012) in der Ausstellung vertreten. Über die Arbeit sagt sie selbst: "Painting a wrecked car like icing a cake, as if beautifying the exterior would help fix the lack of functionality within the car. This wishful gesture was the only way I could get myself a car - cold comfort for the current impossibility of my dream that I, as an independent person, can drive myself to work one day." (Sarah Abu Abdallah on edgeofarabia.com)

News of Tomorrow Today: Marwa Arsanios (* 1978, USA) stammt eigentlich gar nicht aus der Golfregion, sondern wuchs im Libanon auf. Ihre Arbeit "Read the Titles" bezieht sich auf die visionäre Rubrik "News of Tomorrow and the Day after Tomorrow", welche die ägyptische Zeitschrift al-Hilal in den 1960ern mit Blick auf das Jahr 2000 veröffentlichte. Die Skulptur in der Ausstellung ist das Ergebnis einer Performance der Künstlerin, während der sie die Headlines aus der Artikelserie zur möglichen Zukunft ausschnitt. 

 Galerie Steinek, Installationsansicht Marwa Arsanios,  Read the Titles,  2011. Foto : eSeL.at

Galerie Steinek, Installationsansicht Marwa Arsanios, Read the Titles, 2011. Foto : eSeL.at


Liket the Desserts Miss the Real
curated by_Myriam Ben Salah
KünstlerInnen: Sarah Abu Abdallah, Abdullah Al Mutairi, Marwa Arsanios, GCC, Raja’a Khalid
Ausstellungsdauer: 11.09.–30.10.2015
Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, 1010 Wien
Mehr unter www.galerie.steinek.at


Lesen Sie den Text von Armen Avanessian, der den an "curated by_vienna: Tomorrow Today" beteiligten KuratorInnen und Galerien als Ausgangspunkt diente.    

curated by_vienna wird organisatorisch und finanziell von der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure unterstützt.