„Wir brauchen eine alternative Zukunftsperspektive“

Armen Avanessian ist Philosoph und Literaturwissenschaftler. Spekulativer Realismus und Akzelerationismus heißen die relativ jungen philosophisch-politischen Denkströmungen, auf denen seine Forschungen fußen. Ihr Kerngedanke ist, von einer gedachten fernen Zukunft aus auf die Gegenwart zu schauen und den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Für die diesjährige Ausgabe von curated by_vienna hat Armen Avanessian den titelgebenden Essay Tomorrow Today verfasst. Er bildet die Grundlage für die am Projekt beteiligten Galerien und KuratorInnen, deren Ausstellungen sich im weitesten Sinne dem Thema Kunst und Kapital widmen.
   
  
 
  
    
  
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  Still aus: Christopher Roth und Armen Avanessian,  Hyperstition , 2026, 113min.

Still aus: Christopher Roth und Armen Avanessian, Hyperstition, 2026, 113min.


Science Fiction sei heute der bessere, wenn nicht sogar der einzig mögliche Realismus, schreiben Sie mit Bezug auf den britischen Schriftsteller J. G. Ballard in ihrem Essay „Tomorrow Today“, der den Galerien und KuratorInnen der diesjährigen Ausgabe von curated by_vienna als Ausgangsbasis diente. Welche Gedanken stecken hinter diesem Satz?

Wir leben heute in einer Welt ohne Zukunft, ein tatsächlich positives Konzept oder Bild von Zukunft müssen wir erst wieder entwickeln. Nur aus der festgefahrenen Gegenwart heraus ist Veränderung nämlich nicht möglich. Wie ich in einem gemeinsam mit Gerald Nestler herausgegeben Buch Making of Finance (Merve 2015) versucht habe zu zeigen, leben wir schon längst in einer Zeit, die aus der Zukunft regiert wird. Egal ob es sich beispielsweise um Preise von Aktien handelt, die Bewertung von ganzen Staaten inklusive all der Konsequenzen, die entsprechende Austeritätsmaßnahmen für deren Bevölkerungen haben oder um die Daten, die über uns gesammelt werden und uns immer schon algorithmisch einen Schritt voraus zu sein scheinen. De facto führt all das dazu, dass sich unser Handlungsspielraum in der Gegenwart immer mehr reduziert. Deswegen brauchen wir eine alternative Zukunftsperspektive, um von dort aus – quasi gegen die gewohnte chronologische Ordnung – neu über unsere Gegenwart nachzudenken und zu agieren.

Spekulativer Realismus und Akzelerationismus heißen die beiden in jüngster Zeit vieldiskutierten Denkansätze, die auch das Konzept von curated by_vienna: Tomorrow Today grundieren. Was fasziniert Sie an diesen Strömungen? Wie kam es ihrerseits zur Auseinandersetzung damit?

In den Nullerjahren habe ich eine Zeit lang in London gelebt, wo ich einige der Protagonisten kennengelernt habe. Ohne ein Anhänger des einen oder anderen Denkers geworden zu sein, hat mich nach einigen Jahrzehnten immer verschlafener und akademisierter gewordener Postmoderne die Aufbruchsbewegung interessiert. Das Aufwerfen von relevanten Fragen für das 21. Jahrhundert, denen man nicht mehr mit symbolischer Politik oder reiner Textexegese begegnen kann, sondern die einer Konfrontation mit dem Realen bedürfen – das wurde für mich bedeutsam. Aber eben im Sinne eines spekulativen, philosophischen Nachdenkens, also zunächst einmal mit scheinbar ganz abstrakten und theoretischen Fragen. Können oder müssen wir nicht ein Welt ohne Menschen denken? Lassen sich Objekte oder die Realität auch unabhängig von Subjekten denken? Lässt sich dieser relativistische oder korrelationistische Zirkel sprengen, wonach all unsere Erkenntnis nur jeweils eine private oder kulturell vermittelte ist und alles was wir über die Realität wissen nur in Relation oder Korrelation zu unserer subjektiven Wahrnehmung oder unserem Denken ist? Gibt es andere Möglichkeiten über Kunst nachzudenken als die von dem hegemonialen ästhetischen Denken seit 200 Jahren, seit der Romantik eigentlich, zur Verfügung gestellten? Das sind einige der Fragen, die mich seither beschäftigen.

Kam es anlässlich curatet by_vienna: Tomorrow Today das erste Mal vor, dass Ihre theoretischen Überlegungen impulsgebend für eine Ausstellung – im konkreten Fall sogar 20 Ausstellungen – waren?

Das war eine Premiere für mich, die ich extrem herausfordernd und lehrreich fand beziehungsweise immer noch finde. Auch, um in der konkreten Praxis, nicht nur als Theorie oder Metatheorie, zu einem anderen Verhältnis zwischen philosophischer Theorie und künstlerischer Praxis zu finden. Also nicht wie üblich mit mehr oder weniger Ahnung der Kunst vorzuschreiben, wie sie aussehen soll, was sie bedeutet, wie sie zu verstehen ist oder sich verstehen soll. Sondern stattdessen eine Plattform zu schaffen, in der GaleristInnen, KuratorInnen, KünstlerInnen ihr Wissen und Denken auf die Probe stellen können. Und zwar mit Blick auf die tatsächlich realitätsstiftenden ökonomischen Aspekte ihrer Praxis, die immer noch viel zu oft als leidiges Nebenprodukt der ach so hehren und idealisierten künstlerischen Arbeit verstanden werden. Das wollte ich umdrehen und sagen: Nein, in Wahrheit ist die Kunst ein Trendsetter in Sachen innovativer Ökonomie, Selbstausbeutung, Originalitäts- und Flexibilitätsdruck etc. und vielleicht sollten wir das zum Thema machen und nach alternativen Modellen Ausschau halten.

   
  
 
  
    
  
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  Still aus: Christopher Roth und Armen Avanessian,  Hyperstition , 2026, 113min.

Still aus: Christopher Roth und Armen Avanessian, Hyperstition, 2026, 113min.

Gab es im Rahmen Ihrer Forschungen schon früher Berührungspunkte mit der bildenden Kunst?

Ja, im Rahmen von Gastprofessuren an Kunstakademien, der Herausgeberschaft einzelner Ausgaben von Kunstzeitschriften und in Form von gemeinsamen Arbeitsprojekten, etwa jenem mit dem Zeichner Andreas Töpfer mit dem ich das Buch Speculative Drawing (Sternberg Press, 2014) konzipiert habe. Momentan stelle ich gemeinsam mit dem Filmemacher Christopher Roth einen längeren Film mit dem Titel „Hyperstition“ fertig. Mein poetisches Arbeitsprinzip bei all dem ist, zu gemeinsamen Arbeitsprozessen zu finden, die die Praxis der einzelnen Beteiligten verändern, anstatt wie es fast immer bei ästhetischer Kritik der Fall ist, bloß ein reflexives Nachdenken über Kunst zu betreiben oder deren künstlerischen oder politischen Wert zu beurteilen.

Welche Phänomene oder Entwicklungen haben Sie vor dem Hintergrund ihres Beschäftigungsfeldes im Bereich der bildenden Kunst beobachtet?

Zunächst einmal ist das Kunstfeld generell immer schon so etwas wie ein Fluchtbereich für fast alle spannenden und wichtigen philosophischen Strömungen in den letzten Jahrzehnten gewesen, die erst mit langer Verspätung, wenn überhaupt, ihren Weg in die philosophischen Institute gefunden haben. Ich arbeite ja auch als Herausgeber für den MERVE Verlag in Berlin, an dessen Geschichte man ganz gut zeigen kann, wie die philosophischen Avantgardisten oder Trendsetter immer schon viel früher im Kunstbereich eine Leserschaft gefunden haben als unter den Akademikern. Natürlich gibt es viele Missverständnisse – manche sprechen auch von Missbrauch – zwischen Philosophie und Kunst, aber zumindest besteht eine gewisse Neugier auf Seiten der Kunst. Und letztlich kann jeder Theoretiker schon auch beeinflussen wie er verwendet wird. Ich achte etwa sehr darauf, nicht in die typische Falle der ästhetischen Kritik zu tappen, also zum Beispiel als Katalogtextschreiber engagiert zu werden, um dann mit viel Pathos dem Werk bestimmter KünstlerInnen sagenumwobene politische oder subversive Wirkung zuzuschreiben. Katalogtextschreiber sind Produzenten von symbolischem Kapital, das dann den Marktwert der Kunstschaffenden erhöht. Manchmal habe ich so boshafte Träume, etwa davon, dass einmal allen Katalogtextschreibern für ein Jahr verboten wird vom „Politischen“ zu schwadronieren.

Myriam Ben Salah, die den diesjährigen curated by-Beitrag der Galerie Steinek kuratiert, nähert sich „Tomorrow Today“ vor dem Hintergrund der Entwicklungen am Arabischen Golf. Sie meint, dass die Idee des Akzelerationismus angesichts der dortigen rasanten Veränderungen relativiert werde. Denn, so fragt Salah, „wie soll man Konsum und Kapital in einer Region beschleunigen, in der sie schon auf Höchstgeschwindigkeit sind?“ Wie sehen Sie das?

Leider kann es immer noch mehr Konsum und Kapitalbeschleunigung geben. Noch viel wichtiger ist aber, dass Akzeleration gerade nicht meint, dass einfach noch mehr beschleunigt werden soll. Akzelerationismus strebt nicht nach Hochgeschwindigkeit. Ganz im Gegenteil geht es darum, dass wir uns die bereits vorhandene Geschwindigkeit aneignen, denn nur dann können wir unsere beschleunigte Wirklichkeit auch beeinflussen, ihr eine Richtung geben, unsere Gesellschaft auf eine progressive Art und Weise transformieren. Wenn wir uns aufs Land zurückziehen und die technologischen und wissenschaftliche Entwicklung in den Händen globaler Finanzkonglomerate belassen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Welt weiterhin an uns vorbei Richtung Abgrund steuert.

In manchen Ausstellungen des Projekts werden die BesucherInnen allerdings dem Thema Entschleunigung begegnen – dem gegenläufigen Moment des Akzelerationismus also. Gilt es angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in sämtlichen Lebensbereichen nicht tatsächlich auch die Bremsen zu ziehen?

Was ‚es gilt’ oder nicht ist leider relativ unerheblich. Das Problem ist, dass Entschleunigung nicht funktioniert. Höchstens ein paar wohlsituierte westliche Bio-Freaks aus der Nachkriegs-Erbengeneration können davon träumen auf Großmutters Landhäuschen ihre Zucchini zu züchten – und selbst die können aus soziologisch relativ gut erforschten Gründen der gesamtgesellschaftlichen Beschleunigung nicht wirklich entgehen. Dazu kommt, dass das auf Kosten der großen Mehrheit der Weltbevölkerung geht, die sich solche Luxusphantasien nicht leisten kann. Ob in klimapolitischer Hinsicht, in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik, die schleichende Postdemokratisierung oder die systematische Überwachung durch die NSA und andere, auch ökonomische, Institutionen, für all diesen Bereiche heißt es: Nur wenn wir uns auf der Höhe der technologischen und wissenschaftlichen Mittel unserer Zeit befinden, können wir die anstehende Probleme tatsächlich angehen. Wir müssen Fortschritt und Beschleunigung wieder positiv konnotieren, statt sie mit Kapitalismus und Zerstörung zu assoziieren.

 Foto: Magdalena Lepka

Foto: Magdalena Lepka


Lesen Sie den Text von Armen Avanessian, der den an curated by_vienna: Tomorrow Today beteiligten KuratorInnen und Galerien als Ausgangspunkt diente.

curated by_vienna wird organisatorisch und finanziell von der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure unterstützt.