Curated by_Dessislava Dimova

Christine König Galerie

 Exhibition View, Material Culture / Things in our Hands, curated by_Dessislava Dimova, 2011, Courtesy: Christine König Galerie

Exhibition View, Material Culture / Things in our Hands, curated by_Dessislava Dimova, 2011, Courtesy: Christine König Galerie

Material Culture / Things in our Hands
Da es die geopolitische und historische Wirklichkeit Osteuropas praktisch nicht mehr gibt, denkt man bei Osteuropa heute auch nicht mehr an ein existierendes Territorium. Osteuropa ist vielmehr ein Phantasiegebilde, auf das sowohl die Phantasmen des ehemaligen Ostens als auch die des ehemaligen Westens immer mehr ein desillusioniertes und zugleich verzerrtes Bild werfen. Ich meine, wir sollten daher besser von einer Eigenschaft sprechen - dem Osteuropäertum. Dieses ergibt sich aus dem postkommunistischen Zustand, der sich nicht bruchlos zum Kapitalismus der liberalen Demokratien weiterentwickelt hat. Das Osteuropäertum findet sich nicht nur auf den verschiedenen Stufen der Eingliederung in die Marktwirtschaft - von Gastarbeitern bis zu Neureichen. Man darf hoffen, es stehe auch für das, was unangepasst und außen bleibt. Kurz, für das Unverdaute der Geschichte und der Politik.

Anetta Mona Chisa & Lucia Tkácová spielen gerne mit dem Klischee des ehrgeizigen Osteuropäers, der auszieht, um den Westen zu erobern und die sündigen Freuden des Kapitalismus auszukosten. Sie sprechen gerne Dinge aus, die Westeuropäer zwar denken, aber nur Osteuropäer, die noch nicht richtig politisch korrekt getrimmt sind, sagen dürfen. Die Künstlerinnen nehmen nichts ernst. In ihren Händen wird alles zu formbarem Material: revolutionäre Hoffnungen, die bitteren Lehren der Geschichte, das modernistische Erbe, die kritische Rolle der Kunst, die Regeln der Kunstwelt, Sex, blonde Haare, das Kapital…

Wie soll man aber das radikale Osteuropäertum in Chisas & Tkácovás Kunst verstehen, ohne auf alte Klischees zurückzufallen? Wie die Logik jener speziellen Form der Kritik begreifen, die die beiden Künstlerinnen entwickelt haben?

Ein möglicher Zugang besteht darin, bis auf die Wurzeln des postkommunistischen Zustands zurückzugehen, also auf die Voraussetzungen, von denen aus die Künstlerinnen operieren und den Zustand des globalen Kapitalismus von heute analysieren. Ich schlage vor, den kommunistischen Zustand an sich anzusprechen, der den Horizont der künstlerischen Vorstellungen der frühen Avantgarden bildete.

Man kann, denke ich, den transformativen Ansatz, den Anetta Mona Chisa & Lucia Tkácová angesichts der westlichen Kunstwelt gefunden haben, unter dem Aspekt des Ansinnens der frühen Avantgarden sehen, Konsumgegenstände in sozialistische Objekte - in Kameraden also - zu verwandeln. In seinen legendären Briefen aus Paris spricht Rodtschenko von der Verwirrung, die die tief empfundene Anziehungskraft und gleichzeitige Bedeutungsleere der westlichen Warenwelt, der er sich erstmals gegenüber sah, in ihm bewirkten.

Den Unterschied zwischen sozialistischen Produkten und westlichen formulierte er so: „Unsere Gegenstände in unsern Händen müssen auch gleichberechtigt, müssen auch Kameraden sein, und nicht diese düsteren und finsteren Sklaven wie hier."

Doch hatte die russische Avantgarde eine zwiespältige Meinung zur materiellen Kultur (im Sinn von Alltagsgegenständen). Der Alltag (byt) wurde im Allgemeinen als etwas angesehen, das man hinter sich lassen müsse, als unwichtig, konservativ und verweiblicht. Kurz, als Hindernis auf dem Weg zu Spiritualität und Fortschritt. Umgekehrt gab es aber auch Künstler wie Tatlin, die in ihrer Kunst die trivialsten Haushaltsutensilien verwendeten.

Etwas von dieser Spannung zwischen hohen Idealen und Lebenswirklichkeit, zwischen streng kritischem Denken und weiblicher Launigkeit wird auch in der Kunst von Anetta Mona Chisa & Lucia Tkácová verhandelt und gestaltet. Ihre Kunst lässt mich daran glauben, dass das Osteuropäertum eine eigenständige kritische Praxis sein könnte.

Dessislava Dimova


Works by
Anetta Mona Chisa
Lucia Tkácová

Dessislava Dimova *1976 in Karnobat, Bulgarien, lebt und arbeitet in Brüssel.

 Exhibition View, Material Culture / Things in our Hands, curated by_Dessislava Dimova, 2011, Courtesy: Christine König Galerie

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