MILIEU

KROBATH WIEN
curated by_Mirjam Thomann & Jenni Tischer 

 

KATHARINA AIGNER (*1983, lives / lebt in Vienna / Wien) 
MARIA EICHHORN (*1962, lives / lebt in Berlin)
HANNAH HÖCH (*1889, †1978 in Berlin)
STEPHANIE TAYLOR (*1971, lives / lebt in Los Angeles) 
MIRJAM THOMANN (*1978, lives / lebt in Berlin)
JENNI TISCHER (*1979, lives / lebt in Berlin)
TITRE PROVISOIRE: CATHLEEN SCHUSTER & MARCEL DICKHAGE (* 1977, live / leben in Berlin)
MARINA VISHMIDT (*1976, lives / lebt in London) 

 

Milieu [mi’liø:]
French milieu
from: mi- < Latin medius = middle
and lieu < Latin locus = place

 

What about your milieu? How would you describe it? Which images, words, commodities, animals, things, and information come to mind? How do you feel, how do you move, how do you communicate with and think about your environment? And how does your environment relate to you?

The interesting thing is that a milieu is something other than a fixed context or an inevitable situation. It is an mesh and allows forming a theory of living relationships. Living beings and milieu are linked to each other and are involved in a dynamic of permanent debate leading to reciprocal adaptations and transformations. This dynamism takes place in small and big things, in biological, physical, and sociological terms, and it applies as much to a single cell as it does to a movement or an entire society. 

There are milieus on which everyone immediately has an opinion. They are covered in the press and discussed in talk shows, for example: The workers’ milieu used to vote for the Communist Party, today it votes for the Front National—a tendency that goes beyond the borders of France, as is known. In this context, Didier Eribon writes that people have lost their historical class consciousness. But inequality is more than the criterion of being left behind. There is no milieu that can be consistently defined based on shared interests and goals, independently of time and place, especially against the background of a world of work that is undergoing constant change. The challenge, according to Eribon, therefore consists in taking the step from knowledge to action, in joining heterogeneous battles and enduring the tensions. 

Theories of the environment are always also theories of possible worlds. In this sense, the term milieu describes both possibility conditions and permeabilities. It focuses on what is conceivable or inconceivable under specific conditions, thus raising questions as to the perceptibility and representability of the environment. That is indeed reminiscent of art. The view of humans to their environment is thus a view that is itself determined by this environment; it is a corporeally determined view. Milieu, then, describes the relationship between body and environment, the interpenetration of environment and that which is in the environment. Are you aware that you are simultaneously a component and a viewer of a state? That sounds pretty fictitious and otherworldly! You inhabit the milieu and the milieu inhabits you. Precisely the engagement with this Other makes the milieu conceivable, writes Maria Muhle, thus defining the place where the norm of life develops. It is autonomy and heteronomy, determination and agency, tension and complicity, susceptibility and dissolution of boundaries. Complicated conditions and palm trees in Kreuzberg.

Here, our milieu is that of the exhibition. We are interested in the specifications of this exhibition milieu, the actions that enable it, and the interrelations it produces. The relationship established between the living being and the environment is like a debate to which the living being brings its own norms of situational assessment, in which it dominates the environment and adapts to it, as Georges Canguilhem writes. What kind of dynamism unfolds between the inside and the outside? Where are the boundaries and how do the mutual references of body, material, and environment take effect? How are transitions between natural circumstances and artificial ones mimicking a natural process visualized? We observe ourselves in the attempt to create countereffects, determine the milieu, and temporarily set it in motion. So nice of you to join us!

Berlin, May 2018
Mirjam Thomann & Jenni Tischer

Sources Franziska Brons, “Unter Druck: Medien am Meeresgrund,” Cologne Media Lecture, February 8, 2017, http://memo.phil-fak.uni-koeln.de/27888.html; accessed 04/27/2018. Definition of milieu: http://www.collinsdictionary.com/dictionary/english/milieu; accessed 05/05/2018. Georges Canguilhem, “The Living and its Milieu,” in Grey Room, issue 3, spring 2001, p. 7-31 [French original 1965]. Didier Eribon, Returning to Reims, Cambridge, 2016 [French original 2009]. Fabiola Rodríguez Garzón, “Die Widersprüche der Arbeiterklasse,” in Frankfurter Rundschau, online, 02/02/2017 http://www.fr.de/kultur/literatur/didier-eribon-die-widersprueche-der-arbeiterklasse-a-744349; accessed 04/27/2018. Florian Huber, Christina Wessely, “Milieu. Zirkulation und Transformation eines Begriffs,” in Milieu. Umgebung des Lebendigen in der Moderne, Paderborn, 2017, pp. 7–17. Johannes F. Lehmann, “Welt als Umwelt. Zur ästhetischen Erfindung eines wissenschaftlichen Konzepts bei Diderot, Goethe und Büchner,” in Huber, Wessely, loc. cit., pp. 121–135. Maria Muhle, “Mixed Milieus. Vom vitalen zum biopolitischen Milieu,” in Huber, Wessely, loc. cit., pp. 35–48. Laurent Stadler, “Milieu architektonisch. Die ‚Wissenschaft der Planbildung’ als Form von Umgebungswissen,” in Huber, Wessely, loc. cit., pp. 72–87. Michael Vester, “Die Gesellschaft als Kräftefeld: Klassen, Milieus und Praxis in der Tradition von Durkheim, Weber und Marx,” in Huber, Wessely, loc. cit., pp. 136–175.  

 INVITATION CARD / EINLADUNGSKARTE „MILIEU“ at / bei AFTER THE BUTCHER, Berlin 2018  MARILYN GREEN , PALME IN KREUZBERG [PALM TREE IN KREUZBERG], 1984 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018,  Photo: n.b.k./Jens Ziehe, 2014

INVITATION CARD / EINLADUNGSKARTE „MILIEU“ at / bei AFTER THE BUTCHER, Berlin 2018
MARILYN GREEN, PALME IN KREUZBERG [PALM TREE IN KREUZBERG], 1984
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo: n.b.k./Jens Ziehe, 2014

 

Milieu [mi’liø:]
französisch milieu
aus: mi- < lateinisch medius = mitten
und lieu < lateinisch locus = Ort, Stelle

Und Ihr Milieu? Wie würden Sie es beschreiben? Welche Bilder, Worte, Waren, Tiere, Dinge und Informationen fallen Ihnen dazu ein? Wie fühlen Sie, wie bewegen Sie sich, wie kommunizieren und denken Sie in Ihrer Umgebung? Und wie bezieht sich Ihre Umwelt auf Sie? 

Das Interessante ist ja: Ein Milieu ist etwas anderes als ein festgeschriebener Kontext oder eine unausweichliche Situation. Es ist eine Verflechtung und ermöglicht eine Theorie der lebendigen Zusammenhänge. Lebewesen und Milieu sind aneinander gekoppelt und befinden sich in einer Dynamik der permanenten Auseinandersetzung, in der es wechselseitig zu Adaptionen und Transformationen kommt. Diese Dynamik gilt im Kleinen wie im Großen, biologisch, physikalisch und soziologisch betrachtet, sie gilt für eine Zelle ebenso wie für eine Bewegung oder eine ganze Gesellschaft.

Es gibt Milieus, zu denen alle sofort eine Meinung haben. Sie kommen in der Presse vor und werden in Talkshows diskutiert, zum Beispiel so: Früher wählte das Arbeiter_innenmilieu traditionell die Kommunistische Partei, heute den Front National – eine Tendenz, die sich bekanntermaßen weit über die Grenzen Frankreichs hinaus zeigt. Didier Eribon schreibt dazu, den Menschen sei das historische Klassenbewusstsein abhandengekommen. Doch Ungleichheit zeichnet sich durch mehr aus als das Merkmal, abgehängt zu sein. Es gibt kein Milieu, das sich widerspruchsfrei anhand von geteilten Interessen und Zielen, zeit- und ortsunabhängig definieren lässt, besonders vor dem Hintergrund einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt. Die Herausforderung besteht deswegen nach Eribon darin, von der Erkenntnis in ein Handeln überzugehen, sich den heterogenen Kämpfen anzuschließen und die Spannungen auszuhalten.

Theorien der Umwelt sind auch immer Theorien möglicher Welten. Der Begriff des Milieus beschreibt in diesem Sinne sowohl Möglichkeitsbedingungen als auch Durchlässigkeiten. Er richtet den Blick auf das, was unter bestimmten Bedingungen denkbar oder nicht denkbar ist, und eröffnet damit Fragen nach Wahrnehmbarkeit und Darstellbarkeit von Umwelt. Das erinnert ja wohl sehr an Kunst. Der Blick des Menschen auf seine Umgebung ist damit selbst ein Blick, der von dieser Umwelt bedingt ist, es ist ein körperlich bedingter Blick. Milieu bezeichnet also das Verhältnis von Körper und Umwelt, die gegenseitige Durchdringung von Umgebung und Umgebenden. Ist Ihnen klar, dass Sie zugleich Bestandteil und Betrachter_in eines Zustands sind? Klingt ganz schön fiktiv und außerweltlich! Sie bewohnen das Milieu, und das Milieu bewohnt Sie. Gerade in der Auseinandersetzung mit diesem Anderen wird Milieu denkbar, schreibt Maria Muhle und definiert so den Ort, an dem sich die Norm des Lebens ausbildet. Das sind Autonomie und Fremdbestimmung, Determinierung und Handlungsmacht, Spannung und Komplizenschaft, Anfälligkeit und Entgrenzung. Das sind erschwerte Bedingungen und Palmen in Kreuzberg. Hier ist unser Milieu dasjenige der Ausstellung. Wir interessieren uns für die Vorgaben, die dieses Ausstellungsmilieu macht, die Aktionen, die es ermöglicht, und die Zusammenhänge, die es herstellt. Das Verhältnis zwischen Lebewesen und Umwelt ist wie eine Auseinandersetzung, in die das Lebewesen seine eigenen Normen der Bewertung von Situationen mitbringt, in der es die Umwelt beherrscht und sich ihr anpasst, schreibt Georges Canguilhem. Welche Dynamik entsteht zwischen innen und außen? Wo verlaufen die Grenzen, und wie werden die gegenseitigen Bezugnahmen von Körper, Material und Umgebung im Ausstellungsraum wirksam? Wie werden Übergänge zwischen natürlichen Gegebenheiten und künstlichen, die einen natürlichen Vorgang nachahmen, sichtbar? Wir beobachten uns selbst bei dem Versuch, zurückzuwirken, das Milieu neu zu bestimmen und für einen Moment in Bewegung zu versetzen. Schön, dass Sie dabei sind! 

Berlin, Mai 2018
Mirjam Thomann & Jenni Tischer 

 

Quellen Franziska Brons, „Unter Druck: Medien am Meeresgrund“, Cologne Media Lecture, 08.02.2017, http://memo.phil-fak.uni-koeln.de/27888.html; zuletzt eingesehen am 27.04.2018. Georges Canguilhem, „Das Lebendige und sein Milieu“, in: ders., Die Erkenntnis des Lebens, Berlin 2009 (franz. Original 1965). Definition Milieu: https://www.duden.de/rechtschreibung/Milieu; zuletzt eingesehen am 27.04.2018. Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Frankfurt/Main 2016 (franz. Original 2009). Fabiola Rodríguez Garzón, „Die Widersprüche der Arbeiterklasse“, in: Frankfurter Rundschau, online, 02.02.2017, http://www.fr.de/kultur/literatur/didier-eribon-die-widersprueche-der-arbeiterklasse-a-744349; zuletzt eingesehen am 27.04.2018. Florian Huber, Christina Wessely, „Milieu. Zirkulation und Transformation eines Begriffs“, in: dies. (Hg.), Milieu. Umgebung des Lebendigen in der Moderne, Paderborn 2017, S. 7–17. Johannes F. Lehmann, „Welt als Umwelt. Zur ästhetischen Erfindung eines wissenschaftlichen Konzepts bei Diderot, Goethe und Büchner“, in: Huber, Wessely, a. a. O., S. 121–135. Maria Muhle, „Mixed Milieus. Vom vitalen zum biopolitischen Milieu“, in: Huber, Wessely, a. a. O., S. 35–48. Laurent Stadler, „Milieu architektonisch. Die ‚Wissenschaft der Planbildung‘ als Form von Umgebungswissen“, in: Huber, Wessely, a. a. O., S. 72–87. Michael Vester, „Die Gesellschaft als Kräftefeld: Klassen, Milieus und Praxis in der Tradition von Durkheim, Weber und Marx“, in: Huber, Wessely, a. a. O., S. 136–175.