The Day Before Yesterday

GALERIE RAUM MIT LICHT
curated by_Franziska Lesák 

 

IRIS ANDRASCHEK (*1963, lives / lebt in Vienna / Wien & Mödring)
FRANTIŠEK LESÁK (*1943, lives / lebt in Vienna / Wien & Neu Nagelberg)
PETRA MAITZ (*1962, lives / lebt in Vienna / Wien, Hamburg & Sydney)
DESIREE PALMEN (*1963, lives / lebt in Berlin & Den Haag)
KLAUS PAMMINGER & RUTH BECKERMANN (*1967 / *1952, live / leben in Vienna / Wien)
ROMAN PFEFFER (*1972, lives / lebt in Vienna / Wien)
GORAN REBIĆ (*1968, lives / lebt in Vienna / Wien)
PAUL ROSDY (*1963, lives / lebt in Vienna / Wien)
ANDREA VAN DER STRAETEN (*1953, lives / lebt in Vienna / Wien)
ARYE WACHSMUTH (*1962, lives / lebt in Vienna / Wien)
SIMON WACHSMUTH (*1964, lives / lebt in Berlin)
GEORG WASNER (*1973, lives / lebt in Vienna / Wien) 

 

Numbers have different meanings in different cultures. The number 8 signifies happiness in China, especially due to the phonetic similarity to the word for “prosperity.” 8 is a sacred number in the Christian world. Likewise, it carries special meaning in Jewish culture, for Indians, Etruscans, and Odinists. 

The year 2018 has a special significance for Vienna and Austria. It is a year of different commemorations and anniversaries. We are celebrating Vienna’s modernist era: One hundred years ago, three of the most influential Viennese artists died, the painters Gustav Klimt and Egon Schiele and the architect Otto Wagner. The same year saw the end of the First World War, and Karl Renner proclaimed the First Republic. Twenty years later, Austria’s “Anschluss” to Nazi Germany took place, paving the way for the expulsion and annihilation of the Jews in Austria. Fifty years ago, in 1968, a student protest movement was formed between Paris, Berlin, and Vienna, calling for a change of established structures. That year also saw the Prague Spring in the city in which the first European war began in 1618, triggered by the Defenestration. The March Revolution took place in 1848, and the song Silent Night was performed for the first time in 1818. 

When we talk about 2018, a wealth of past events come to mind, and an equally large number of exhibitions contribute to the current culture of remembrance. Even the opening of the Austrian Haus der Geschichte, the planning of which took a long time and has been subject to numerous transformations, has been set for this year. In addition to an affirmation and continuation of the great historical narratives and their critical revision, we can expect other, very diverse representations of history this year.

Against the background of a global crisis, impacting Europe and therefore Austria, there is already a large variety of voices. Voices of longing, criticism, fear, hatred, but also of reason and confidence, are trying to make themselves heard. How can we escape this babble and the competing demands for interpretation and reinterpretation? 

Perhaps by trying to switch from the large, stately avenues to narrow and shadowy paths. The exhibition The day before yesterday in the Vienna gallery Raum mit Licht travels along these smaller paths, circling some of the historical events mentioned. The focus is not on the great traditional narratives but rather on gaps and sidelines that open up just before, next to, or after an important historical date or place. 

Vienna is not just a city but the sum of different layers of time and culture. Accordingly, the exhibition addresses the interweaving of transcultural history and diversity. 

The individual artists’ approaches to the city’s interwoven narratives are diverse—as are the works in the exhibition: Installation, photography, and sculpture enter into a dialog with experimental and documentary films. The exhibition brings together topics such as center and periphery, displacement and migration, ideology and politics, personal experience and universal events in the form of an atmospheric montage. The different aesthetic processes and artistic approaches with their political and cultural facets form the mosaic of a city from multiple perspectives. 

Franziska Lesák

 

Zahlen haben in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutungen. Die Zahl 8 bedeutet für die Chinesen Glück, vor allem aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit mit dem Zeichen für „voran“. In der christlichen Welt ist die Acht eine heilige Zahl. Doch auch für die jüdische Kultur, die Inder, die Etrusker und die Odinverehrer hatte und hat sie eine besondere Bedeutung. 

In diesem Sinne ist das Jahr 2018 auch für Wien und Österreich bedeutsam – es ist ein Gedenk- und Jubiläumsjahr. Einerseits wird die Wiener Moderne gefeiert. Vor einhundert Jahren starben drei der wichtigsten Künstler, die Wien geprägt haben, die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele sowie der Architekt Otto Wagner. Gleichzeitig ging der Erste Weltkrieg zu Ende, und Karl Renner rief in Österreich die Erste Republik aus. Zwanzig Jahre später fand der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich statt und ebnete den Weg für die Vertreibung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Österreich. Ferner wird an das Jahr 1968 erinnert, in dem sich zwischen Paris, Berlin und Wien eine studentische Protestbewegung formierte, die nach Veränderung der Verhältnisse verlangte. Im diesem Jahr fand auch der Prager Frühling statt, in jener Stadt, in der 1618, ausgelöst durch den Prager Fenstersturz, der erste große europäische Krieg seinen Anfang nahm. Die Märzrevolution fand 1848 statt, und 1818 wurde das Lied „Stille Nacht“ zum ersten Mal aufgeführt.

Eine Fülle vergangener Ereignisse durchzieht also das Bewusstsein, wenn vom Jahr 2018 die Rede ist, und eine ebenso große Anzahl von Ausstellungen ist Teil einer aktuellen Erinnerungskultur. Sogar die Eröffnung des lang geplanten und einer stetigen Transformation unterworfenen „Hauses der Geschichte“, in dem spezifisch die österreichische Geschichte dargestellt werden soll, ist für dieses Jahr fixiert. Neben Affirmation und Fortschreibung der großen historischen Erzählungen und deren kritischer Revision sind natürlich auch weitere, höchst unterschiedliche Geschichtsdarstellungen zu erwarten.

Vor dem Hintergrund einer globalen Krise, die sich sowohl in Europa als auch lokalspezifisch in Österreich auswirkt, gibt es bereits eine Vielfalt von Stimmen. Die Stimmen von Sehnsucht, Kritik, Angst, Hass, aber auch Vernunft und Zuversicht versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Wie also diesem Stimmenwirrwarr und dem Wettbewerb um Deutung und Umdeutung entkommen? 

Vielleicht über den Versuch, von den großen, herrschaftlichen Alleen auf schmale und überschattete Wege zu wechseln. Auf diesen Pfaden wandelt die Ausstellung Vorvorgestern in der Wiener Galerie Raum mit Licht und umkreist einige der erwähnten historischen Ereignisse in Wien und Österreich. Im Vordergrund stehen aber nicht die großen traditionellen Narrative, sondern die Zwischenräume und Nebenschauplätze, die sich knapp vor, neben oder nach einem historischen Datum oder Ort befinden.

Wien ist nicht nur eine Stadt, sondern die Summe unterschiedlicher Zeit- und Kulturschichten. In diesem Sinne wird die Verwobenheit von transkultureller Beziehungsgeschichte und Diversität adressiert. Divers sind auch die individuellen Ansätze bei der Annäherung an die mit der Stadt verwobenen Narrative – so auch die Arbeiten in der Ausstellung: Installative, fotografische und skulpturale Werke treten in Dialog mit Experimental- und Dokumentarfilmen. Die Ausstellung bringt Themen wie Zentrum und Peripherie, Vertreibung und Migration, Ideologie und Politik, persönliches Erlebnis und universelles Geschehen in Form einer atmosphärischen Montage zusammen. Die unterschiedlichen ästhetischen Prozesse und künstlerischen Herangehensweisen mit ihren politischen und kulturellen Facetten bilden das multiperspektivische Mosaik einer Stadt. 

Franziska Lesák
Translation Tina Bawden/Michael Bawden

 

  IRIS ANDRASCHEK  WIDMAR ANDRASCHEK ZEIGT, 1968 Filmstill, Super8, 17’ 14” Courtesy Galerie Raum mit Licht,  Photo: Iris Andraschek

IRIS ANDRASCHEK WIDMAR ANDRASCHEK ZEIGT, 1968
Filmstill, Super8, 17’ 14”
Courtesy Galerie Raum mit Licht, Photo: Iris Andraschek

  FRANTIŠEK LESÁK  BAUM ALS BAUM GETARNT, 1972 Black and white photo / Schwarz-Weiß-Foto, 60 x 40 cm, photoprint / Fotoabzug, 2018 Courtesy of the artist,  Photo: František Lesák

FRANTIŠEK LESÁK BAUM ALS BAUM GETARNT, 1972
Black and white photo / Schwarz-Weiß-Foto, 60 x 40 cm, photoprint / Fotoabzug, 2018
Courtesy of the artist, Photo: František Lesák

  PETRA MAITZ  DIE ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN (2 HÄUPTLINGSDAMEN BEWACHEN DIE BüCHER), 2018 Paper, glass, styrofoam, yarn and textile applications / Papier, Glas, Styropor, Garn, Textilapplikationen, approx. / ca. 120 x 30 x 50 cm Courtesy of the artist,  Photo: Petra Maitz

PETRA MAITZ DIE ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN (2 HÄUPTLINGSDAMEN BEWACHEN DIE BüCHER), 2018
Paper, glass, styrofoam, yarn and textile applications / Papier, Glas, Styropor, Garn, Textilapplikationen, approx. / ca. 120 x 30 x 50 cm
Courtesy of the artist, Photo: Petra Maitz

  DESIREE PALMEN  LIFE IS SHORT, 2008 Color photo / Farbfoto, 60 x 80 cm Courtesy of the artist,  Photo: Desiree Palmen

DESIREE PALMEN LIFE IS SHORT, 2008
Color photo / Farbfoto, 60 x 80 cm
Courtesy of the artist, Photo: Desiree Palmen

  KLAUS PAMMINGER  THE FEET FIXED TO THE GROUND BETRAY NO IMPATIENCE, 2016 Videostill from the Split Screen Version for the two-channel image design for the project “The Missing Image” from Ruth Beckermann / Videostill aus der Split-Screen-Version der Zwei-Kanal-Bildgestaltung für das Projekt „The Missing Image” von Ruth Beckermann, 2015 1’ 36” – Loop, HD 16:9, stumm  © Videostill: Klaus Pamminge r / Courtesy Ruth Beckermann

KLAUS PAMMINGER THE FEET FIXED TO THE GROUND BETRAY NO IMPATIENCE, 2016
Videostill from the Split Screen Version for the two-channel image design for the project “The Missing Image” from Ruth Beckermann / Videostill aus der Split-Screen-Version der Zwei-Kanal-Bildgestaltung für das Projekt „The Missing Image” von Ruth Beckermann, 2015 1’ 36” – Loop, HD 16:9, stumm
© Videostill: Klaus Pamminger / Courtesy Ruth Beckermann

  ROMAN PFEFFER  GETEILTES VOLUMEN, 2018 (l x b x h = V [Sessel]:2), Half a Thonet chair, wood, paint / Thonet-Sessel, Holzplatte, Farbe, 90 x 53,7 x 20,5 cm. The volume of the wooden board corresponds to that of half the Thonet chair / Das Volumen der Holzplatte entspricht dem Volumen des halben Thonet-Sessels Courtesy Galerie Raum mit Licht,  Photo: Roman Pfeffer

ROMAN PFEFFER GETEILTES VOLUMEN, 2018
(l x b x h = V [Sessel]:2), Half a Thonet chair, wood, paint / Thonet-Sessel, Holzplatte, Farbe, 90 x 53,7 x 20,5 cm. The volume of the wooden board corresponds to that of half the Thonet chair / Das Volumen der Holzplatte entspricht dem Volumen des halben Thonet-Sessels
Courtesy Galerie Raum mit Licht, Photo: Roman Pfeffer

  GORAN REBIĆ  GEKOMMEN BIN ICH DER ARBEIT WEGEN, 1987 Filmstill, AT, Super8, 23’ Courtesy Goran Rebić,  Photo: Goran Rebić

GORAN REBIĆ GEKOMMEN BIN ICH DER ARBEIT WEGEN, 1987
Filmstill, AT, Super8, 23’
Courtesy Goran Rebić, Photo: Goran Rebić

  ARYE WACHSMUTH  EXHIBITOFCRIME, 2015 2 postcards / 2 Ansichtskarten, |suchbild|36535|, acrylic paint on barite / Acrylfarbe auf Baryt, je 9 x 14 cm  Photo: Arye Wachsmuth / Sophie Lillie

ARYE WACHSMUTH EXHIBITOFCRIME, 2015
2 postcards / 2 Ansichtskarten, |suchbild|36535|, acrylic paint on barite / Acrylfarbe auf Baryt, je 9 x 14 cm
Photo: Arye Wachsmuth / Sophie Lillie

  GEORG WASNER  ACCELERANDO, 2016 AT, 40’, HD, Versionen: Voice-over Englisch/Voice-over Deutsch Courtesy: Georg Wasner Vertrieb/Verleih: sixpackfilm.com

GEORG WASNER ACCELERANDO, 2016
AT, 40’, HD, Versionen: Voice-over Englisch/Voice-over Deutsch
Courtesy: Georg Wasner Vertrieb/Verleih: sixpackfilm.com

Franziska Lesák (*1967 in Wien) hat Kunstgeschichte in Wien und Berlin studiert und war Researcherin an der Jan van Eyck Akademie in Maastricht. Sie war an zahlreichen Kunstprojekten beteiligt und (ko)kuratierte eine Reihe freier Ausstellungen, u.a. NGBK Berlin; Museum Het Domein, Sittard; NICC, Antwerpen. Als Herausgeberin hat sie Projekte gemeinsam mit KünstlerInnen, u.a. mit Maria Thereza Alves, Ricarda Denzer, in Buchform umgesetzt sowie Ausstellungskataloge mit. herausgegeben. Seit 2011 ist sie Koordinatorin der DFG Forschergruppe „Transkulturelle Verhandlungsräume von Kunst“, welche am Kunsthistorischen Institut an der Freie Universität Berlin angesiedelt ist.