
Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder
curated by Thomas Thiel
Thomas Thiel ist seit 2019 der Direktor des MGKSiegen, Museum für Gegenwartskunst Siegen. Dort kuratierte er zuletzt Einzelausstellungen mit u.a. Anna Boghiguian, Miriam Cahn, Marianna Castillo Deball, Katja Novitskova oder Sung Tieu. Zuvor war der Direktor des Bielefelder Kunstvereins (2009-2019), Kurator und Leiter der Ausstellungsabteilung am ZKM|Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (2004-2008). Er arbeitete außerdem für Kunstprojekte wie die Manifesta 4, Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst in Frankfurt/Main und In Between, das Kunstprojekt der EXPO 2000 in Hannover. Thiel studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim und Marseille. Er schreibt regelmäßig über zeitgenössische Kunst und ist Herausgeber zahlreicher Publikationen.

Seeds
Im Rahmen des diesjährigen Wiener Galerienfestivals curated by präsentiert die Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder in der Domgasse 6 die von Thomas Thiel kuratierte Präsentation mit Arbeiten von Simon Denny, Katja Novitskova, Marianna Simnett und Christopher Kulendran Thomas.
Die Ausstellung „Seeds“ versammelt Künstler:innen einer Generation, die sich mit der kulturellen Resonanz von Artificial Intelligence auf das eigene Schaffen befassen. Im Zentrum stehen künstlerische Strategien, die Modelle künstlicher Intelligenz, Datensätze und algorithmische Verfahren mit einbeziehen. Dabei erlau-ben Zahlencodes, sogenannte „Seeds“, sowohl den Zufall einzuschränken als auch Ergebnisse entspre-chend zu reproduzieren. Die Arbeiten von Simon Denny, Katja Novitskova, Marianna Simnett und Chris-topher Kulendran Thomas oszillieren zwischen Mythos, Mutation und maschinellem Lernen. Im Rückgriff auf klassische Medien wie Malerei und Skulptur zeigen sie, wie sich menschliche und maschinelle Gesten über-kreuzen, ausschließen oder zusammenbringen lassen. Die versammelten Arbeiten verhandeln im Kontext des diesjährigen curated by-Themas Subjektivität als etwas, das durch algorithmische Filter, kulturübergrei-fende Perspektiven und materielle Transformationen weiter ausdifferenziert wird.
In Marianna Simnetts Video „Blue Moon“ (2022) mutiert eine weibliche Figur unentwegt, während sie in einem künstlichen, blauen Wald gefangen ist. Ihr Körper dehnt sich aus und zieht sich in unterschiedlichen Posen zusammen. Simnett greift auf den Mythos der Athene zurück, die, nachdem sie die Flöte erfunden hatte, von ihren geblähten Wangen und ihrem dadurch verzerrten Spiegelbild erschrak. Die Videobilder selbst sind vollständig von einem speziellen KI-Modell generiert, das wiederum mit eigenen Aufnahmen und dem Flötenspiel der Künstlerin gefüttert wurde.
Auch Christopher Kulendran Thomas setzt sich mit Fragen der Erinnerung, Geschichte und kulturellen Au-torschaft auseinander. Die Motive seiner kleinformatigen Glasmalereien wurden durch ein künstliches neuro-nales Netzwerk erzeugt, das mit Abbildungen aus der kolonial geprägten Kunstgeschichte Sri Lankas trainiert wurde. Die fließenden Übergänge zwischen Körpern und Landschaften in seinen Kompositionen lassen sich als hybride Zeugnisse der Gewaltgeschichte Sri Lankas lesen, aufgrund derer seine tamilische Familie das Land verlassen musste. Mit seinen Werken setzt sich Thomas nicht nur kritisch mit kolonialer Bildproduktion auseinander, sondern hinterfragt durch algorithmisch generierte Bilder, die wiederum per Hand auf Glas ge-malt wurden, auch traditionelle Vorstellungen eines westlichen Individualismus.
In ihrer neuen Serie von Skulpturen setzt Katja Novitskova die Verflechtung zwischen biologischem Leben und digitalen Systemen fort. Sie untersucht, wie generative Technologien und synthetische Materialien unsere Vorstellungen von Lebewesen neu formen. Die in Blautönen schimmernden Formen aus Polyurethanharz und Mineralien werden zu hybriden Wesen, die sowohl biologische als auch algorithmische Züge in sich tragen. Es sind gallertartige Gebilde, die einen Prozess der KI-gesteuerten Bildgenerierung, der 3D-Modellierung und die Arbeit im Atelier miteinander verbinden. Novitskovas „brütende“ Skulpturen bewegen sich zwischen der Erinnerung an ihren biologischen Ursprung und der Vorstellung zukünftiger Entwicklungen.
In zwei Serien spiegeln Simon Dennys Arbeiten die zunehmende militärische Ausrichtung der Tech-Industrie in den USA und Deutschland wider. Die hier gezeigten Malereien wurden mit speziell umgerüsteten Werk-zeugen wie CNC-Maschinen, umprogrammierten Plottern oder industriellen Tintenstrahldruckern produziert. Einerseits zitieren die mit dem handgeführten Tintenstrahldrucker in reinem Schwarz-Weiß erzeugten Bilder das aktuelle Werbematerial zeitgenössischer Defense-Tech-Firmen wie Anduril, Palantir oder Helsing. Ande-rerseits verweisen die mithilfe von KI-Modellen und Malereien der Futuristen Giacomo Balla und Tullio Crali erzeugten Aeropittura-Bilder auf die historische Faszination und die Gegenwart technoutopischer Weltvor-stellungen gleichermaßen.
Die Ausstellung „Seeds“ zeigt exemplarisch, welche Mechanismen und Möglichkeiten in künstlerischer Arbeit mit KI-Modellen liegen. Trotz unterschiedlicher Narrative verbindet die ausgewählten Arbeiten ein gemeinsa-mes Verständnis davon, diese nicht nur als visuelle Werkzeuge zu verstehen, sondern ihre tiefergehende Wirkung auf unsere Vorstellungen von Natur, Körper, Geschichte und Identität zu reflektieren.