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Lombardi—Kargl
curated by Kathrin Bentele

Adresse
Schleifmühlgasse 5
1040 Wien

Barrierefreiheit
nicht barrierefrei

Kurator*innen
Kathrin Bentele
Kathrin Bentele
CV

Kathrin Bentele ist seit 2021 Direktorin des Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. Zuvor arbeitete sie unter anderem an den KW Institute for Contemporary Art in Berlin, bei Artists Space in New York, im Kunsthaus Glarus und dem Kunstbuchverlag JRP Ringier in Zürich. Bentele hielt Vorträge und Lehraufträge u.a. an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Universität zu Köln, Kunstakademie Düsseldorf, Kunstakademie Münster sowie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Sie realisierte u.a. institutionelle Einzelausstellungen von Wang Bing, Monica Majoli, Behrang Karimi, Fiona Connor, Jessica Vaughn, Matthias Groebel, Angharad Williams, Yuki Kimura sowie thematische Gruppenausstellungen wie "A Portrait in Fragments“, „Calling“, und „ CLOSER“, die auf unterschiedliche Weise das kommunikative, performative und narrative Potential von Kunstwerken erforschten.


Künstler*innen
Henri Chopin
Henri Chopin


Keta Gavasheli
Keta Gavasheli


Nour Mobarak
Nour Mobarak


Angharad Williams
Angharad Williams



photo by Cedric Mussano

Song of Flight

Worte – oder Wörter – als Anstoß und als Anfang. Die Gruppenausstellung Song of Flight bringt vier künstlerische Positionen zusammen, deren Werke auf Sprache basieren und von Sprache durchdrungen sind, und untersucht das produktive Potenzial von Sprache als Material und Form. Sie alle verschreiben und verweigern sich gleichzeitig der Idee einer Darstellbarkeit durch Sprache. Als Ganzes betrachtet ist die Ausstellung eine lose, bruchstückhafte Sammlung von Wörtern, Geräuschen, gesprochenen Worten und Klängen, die in den verwinkelten Räumen der Galerie sukzessive auftauchen – wobei manche akustisch an- und abschwellen, während andere eher still und introspektiv bleiben. Auch wenn sich Sprache nie ganz vom Klammergriff der Bezeichnung lösen kann und von jeher in Signifikationsprozesse eingebettet ist, wird ihre mnemonische und affektive Wirkung vielleicht am deutlichsten in ihrer materiellen Dichte spürbar, in der Art und Weise, wie Sprache Teil unserer verkörperten Erinnerung wird und wie Worte immer wieder in unser Bewusstsein gelangen. Am bedeutsamsten ist dabei oft nicht das, was sich benennen lässt, sondern das, was sich abgesetzt hat, was sich widersetzt und deshalb unbemerkt bleibt – das, was eine bestimmte Dichte und Hartnäckigkeit besitzt und zu dem sich kaum eine externe Perspektive einnehmen lässt.

Auf ähnliche Weise entspringen die Arbeiten von Henri Chopin, Keta Gavasheli, Nour Mobarak und Angharad Williams einem Ort, der in Sprache gegründet ist; sie alle agieren aus ihrem Inneren heraus und bedienen sich diverser materieller Formen, um diesen Raum auszuloten. Manchmal verlangen die Arbeiten eine Absage an die Klarheit der gesprochenen Sprache, um sich der Uneindeutigkeit und der Unfertigkeit ihres Gegenstands anzunähern. Für ihre Werke zitieren und bedienen sich die Künstler*innen unterschiedlicher Quellen, wobei sich Wörter in der Ausstellung nur selten als Worte manifestieren; sie begegnen uns vielmehr in materiell verwandelter Form – Wörter werden zu physischen Objekten, Bildern, Geräuschen, Klängen. Auch wenn gelegentlich Reste eines Selbst erkennbar bleiben (mitunter beziehen sich die Künstler*innen auf persönliche Erfahrungen), bleibt jede Behauptung einer Subjekthaftigkeit instabil, bruchstückhaft und veränderbar.

Nehmen wir zum Beispiel das Werk von Henri Chopin (1922-2008) in den Blick, dem die Galerie Lombardi-Kargl 2019 eine Überblicksausstellung widmete. Während des Zweiten Weltkriegs gelang Chopin die Flucht aus einem Arbeitslager; doch sollten ihn die Erinnerungen an das, was er an diesem Ort gehört hatte, zeitlebens verfolgen und sein künstlerisches Werk maßgeblich prägen. In den 1950er-Jahren begann Chopin, eine neue Form der elektronischen Sound-Poesie zu entwickeln, in der er die Atmung und Schreie seines Körpers und die Ausschläge seiner Stimme aufzeichnete. Er erforschte das gesprochene Wort als Ausdruck von Energie und als Form, die geeignet war, Belange von existenziellem Gewicht auszudrücken. Was in der von Chopin betriebenen Entkopplung der Sprache vom autoritativen Gewicht des gesprochenen Wortes (der Wahrheit im Wort) besonders erkennbar wird, ist ein Gefühl der Unrast, eine Brüchigkeit und eine beharrliche Weigerung, sich selbst zu offenbaren. Sprache ist in seinem Werk stets im Fluss und nimmt eine wechselnde Tonalität und Intensität an.

Auch Keta Gavashelis multimediale Praxis basiert auf einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Sound, Poesie und Performance, wobei die Künstlerin häufig Collagetechniken nutzt, um der fragmentarischen, undurchsichtigen Natur der Erinnerung nachzuspüren und innere Räume auszuloten. In der Videoarbeit Blurry Middle Distance (2025) beispielsweise begegnet uns eine poetische Landschaft aus wechselnden Flächen und Texturen; ein urbanes Setting, Szenen einer Demonstration – Bilder, die nur verschwommen zu sehen sind. Wie Gavasheli an einem Punkt im Untertitel bemerkt, ist es vielleicht falsch anzunehmen, der Akt des Erinnerns würde es uns ermöglichen, das Verlorene zu bewahren. Und in diesem Sinne ist das Video, während die Kamera noch versucht, Fragmente für die Erinnerung festzuhalten, auch ein Ringen mit Abwesenheit. Andere Werke von Gavasheli, die Kassettenbänder und Kassetten beinhalten, agieren als materielle Form der Dokumentation; sie enthalten Aufzeichnungen gesprochener und performter Texte der Künstlerin. Sprache und Worte erscheinen hier nur mittelbar und als Überbleibsel; in einem anderen Medium archiviert, sind sie uns nicht länger zugänglich.

Subliminal Lambada (2024), eine Audioarbeit von Nour Mobarak, beruht auf einer Langzeituntersuchung der Künstlerin zu psychoakustischen Phänomenen, die sich Verfahren wie Sampling, Collage und Überblendung von unterschiedlichen Audioquellen bedient. Im Laufe unseres Lebens verändert sich das Verhältnis zu unserer akustischen Umgebung, da sich unser Hörspektrum – der Bereich, in dem wir Schallfrequenzen wahrnehmen können – mit fortschreitendem Alter verringert. Mithilfe unterschiedlicher Intonationen erzeugt Subliminal Lambada eine halluzinatorische Klanglandschaft, in der Worte und Geräusche unterschiedlich gut hörbar sind, verzerrt oder gefiltert erscheinen und mit wechselnden Tonlagen unterlegt sind. Stellenweise haben die wechselnden Stimmungen und die sich ändernde Hörbarkeit einen beruhigenden Effekt, ein anderes Mal jedoch sind sie desorientierend und verwirrend. Auf diese Weise entwickeln wir ein Bewusstsein dafür, wie sich die Beziehung zu unserer akustischen Umgebung mit der Zeit ändert. Geräusche wie Worte werden hier als affektive Texturen greifbar, über die wir nicht nur einen Bezug zu unserer Außenwelt herstellen, sondern auch zu uns selbst und zu einer biografischen Zeitachse. Subliminal Lambada wird von einer neuen visuellen Arbeit begleitet, die für das menschliche Auge nur bei UV-Licht sichtbar ist und in der Mobarak die Wahrnehmungsschwelle unterschiedlicher Bereiche des Lichtspektrums untersucht. 

In Angharad Williams’ neuen Fotografien, die im Rahmen einer umfassenderen fotografischen Serie kürzlich in einer Einzelausstellung zu sehen waren, wird uns der Zugang zur gesprochenen Sprache bewusst verwehrt. Wir können sehen, wie die Künstlerin die Lippen bewegt, um ein Wort zu bilden; ganz offensichtlich existiert es, die Künstlerin spricht es aus, und doch bleibt es außerhalb unserer Reichweite, denn wir können es nicht hören. Die schwelende, latente Präsenz der Bilder erzeugt ein unbehagliches Gefühl im Raum. Vielleicht ließe sich an dieser Stelle etwas über die Vergeblichkeit und Hilflosigkeit des gesprochenen Worts sagen ­– in einer Zeit, die durch andauernde Kriege und menschliches Leid gekennzeichnet ist. Das Sprechen, für gewöhnlich nach außen gerichtet und ein kommunikativer Akt, ist hier nach innen gewandt, zum Schweigen gebracht und auf eine nichtverbale Ebene verschoben.

In Song of Flight geht es nicht um einen Abschluss oder ein Ankommen, sondern vielmehr um einen Aufbruch. Der Flug oder das Fliegen als Metapher, die im Titel angedeutet sind, stützt sich auf die instabile Natur von Sprache, deren Form und Bedeutung einem ständigen Wandel unterliegen.  

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Events

Bilder

Angharad Williams, detail from Solo Performance , Simian, Copenhagen, 2025

Photo by Brian Kure

Angharad Williams, still from Solo Performance, 2025

Photo by Angharad Williams

Keta Gavasheli, Untitled, 2025

Courtesy Wschód, Warsaw and New York. Photo by Bartosz Zalewski.

Keta Gavasheli, Video still from Blurry Middle Distance, 2025

Photo by Keta Gavasheli

Nour Mobarak, Locus/Lacuna, 2025

(Installation view Serralves Foundation – Museum of Contemporary Art Porto, 2025)

Photo by Filipe Braga