Christine König Galerie
curated by Max Dax
Max Dax, *1969, erforscht als Kurator und Publizist das Spannungsfeld zwischen Kunst, Musik und Popkultur. Seine Gruppenausstellungen HYPER! - A Journey into Art and Music 2019 in den Deichtorhallen Hamburg, Black Album / White Cube 2021 in der Kunsthal Rotterdam, sowie zahlreiche Einzelausstellungen mit u.a. Thomas Scheibitz, Radenko Milak, Bettina Scholz, Max Frintrop, Armin Linke, Alexander Kluge, Emil Schult, Caroline von Grone und Lucia Margarita Bauer, sind von einem tief liegenden Wunsch nach Erkenntnis und Spiegelung geprägt. In seiner Arbeit spielt das Künstlergespräch eine zentrale Rolle: als dialogisches Werkzeug, das sowohl der Recherche wie auch der Vermittlung dient.
1953 geboren in Stuttgart
2005 gestorben in Stuttgart
Ausstellungstext
Christine König Galerie (Wien) zeigt im Rahmen von curated by eine von Max Dax kuratierte Ausstellung der 2005 verstorbenen Malerin Sabine Reuter (11. September - 14. November 2026).
Presence of an Absence bringt ein zeichnerisches und malerisches Werk zurück in die Öffentlichkeit, das über zwei Jahrzehnte nahezu vollständig bewahrt geblieben ist – und dessen eigentümliche Gegenwärtigkeit heute umso deutlicher hervortritt.
Sabine Reuter starb 2005 im Alter von nur 51 Jahren. Sie hinterließ mehr als tausend Zeichnungen und Malereien und ein nahezu vollständig erhaltenes Atelier in Stuttgart, das nach ihrem Tod dank des Engagements ihres Witwers Richard Lampert unangetastet blieb.
Wer dieses Atelier heute betritt, begegnet der Anwesenheit einer Abwesenheit. Bücher, Fotoalben und Planschränke, Farben, Lacke und Gipsabgüsse, Zeitungsausschnitte, Fundstücke und die Rohstoffe ihrer Malerei sind geblieben. Im Portugiesischen gibt es für eine solche Erfahrung den Begriff saudade: die Anwesenheit einer Abwesenheit. Diese „presence of an absence“ bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung.
Reuter war eine Künstlerin der Verdichtung.
Ihre Malerei entstand aus einem Denken, das Literatur, Lyrik, Musik, Philosophie, Mathematik und Alltagsbeobachtung nicht voneinander trennte. Sie las Gertrude Stein, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Robert Musil, Ingeborg Bachmann und Paul Celan; Ludwig Wittgenstein wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt. Aus der Beschäftigung mit Sprache übernahm sie weniger Aussagen, als Verfahren: Verkürzung, Wiederholung, Bruch, Verschiebung und Auslassung. Was in einem Gedicht eine Silbe oder in einer Formel ein Zeichen sein kann, wird bei ihr zu Farbe, Fläche, Material und Spur.
Ihre Bilder sind deshalb keine Illustrationen von Gedanken. Sie sind Denkbewegungen – und zugleich von einem ausgeprägten Gespür für Rhythmus getragen. Raumaufteilungen, Proportionen und Farbfolgen wirken bisweilen wie visuelle Versmaße. Der unsichtbare Puls von Musik und der Rhythmus konkreter Lyrik finden in ihrer Malerei eine Entsprechung, ohne sich je in eindeutige Bedeutungen übersetzen zu lassen.
Buchstaben, Zahlen, Daten, Textfragmente, Zeitungsausschnitte, Städtekarten und mathematische Formeln treffen auf Gips, Sand, Schellack und selbst gemischte Pigmente.
Dabei folgen ihre Arbeiten einer bemerkenswerten Balance aus Präzision und Offenheit. Schicht liegt auf Schicht, das Übermalen von Darunterliegendem wird zum elementaren Teil des Bildes, bleibt als Spur, Ahnung oder Widerstand präsent. In diesem Sinne sind Sabine Reuters Bilder Palimpseste: Sie bewahren die Geschichte ihrer Entstehung, ohne sie preiszugeben.
„Das Bild sagt mir also sich selbst“, lautet eine ihrer opaken, aus der Literatur entnommenen Formulierungen. Darin liegt eine wesentliche Qualität ihrer Arbeit: Das Bild muss nichts anderes bedeuten, um etwas zu sein. Es kann Fragen stellen, Assoziationen freisetzen und den Blick aus seiner gewohnten Ordnung bringen.
Vielleicht wirken ihre Arbeiten gerade deshalb heute so wenig historisch. Ihre Beschäftigung mit Fragmenten und Überlagerungen, mit Sprache, Material, Informationssplittern und offenen Bedeutungssystemen berührt eine Gegenwart, in der Wirklichkeit selbst zunehmend aus Ausschnitten, Zeichen, Daten und übereinanderliegenden Bildern zu bestehen scheint.
Presence of an Absence versteht sich daher weniger als nachträgliche kunsthistorische Einordnung Sabine Reuters, denn als frische Wiederbegegnung mit einem überraschend, die heutige Zeit vorausahnenden Werk, das lange aus dem öffentlichen Blick verschwunden war.
Zur Ausstellung erscheint ein von Max Dax und Richard Lampert herausgegebenes, 80-seitiges Buch mit einer längeren Oral History, Atelieransichten und zahlreichen Werkabbildungen.
Text: Max Dax, 2026