SOPHIE TAPPEINER
curated by Jean-Rodolphe Petter, with Oriane Emery
Jean-Rodolphe Petter (*1993) ist ein Schweizer Kurator und Autor, der in der französischsprachigen Schweiz lebt und arbeitet. Seine Praxis bewegt sich zwischen Ausstellungen, Recherche, Publikationen und öffentlichen Gesprächsformaten. Im Zentrum seines Interesses stehen marginalisierte Kulturgeschichten, alltägliche Gesten und Formen des Entstehens, die sich häufig institutioneller Sichtbarkeit entziehen. Seit 2023 ist er Co-Leiter des CALM – Centre d’Art La Meute in Lausanne. Darüber hinaus entwickelt er Projekte in der Schweiz und in Wien, veröffentlicht Texte auf unterschiedlichen Plattformen und hält Vorträge, unter anderem am CAPC Bordeaux.
Oriane Emery (*1999) ist eine schweizerisch-algerische Künstlerin, die in der französischsprachigen Schweiz lebt und arbeitet. In ihren Arbeiten, die Performance, Installation, Video und kollaborative Formate umfassen, untersucht sie auf intuitive und körperbezogene Weise Fragen von Erinnerung, Verschiebung und Beziehungen. Parallel zu ihrer künstlerischen Praxis ist sie seit 2023 Co-Leiterin des CALM – Centre d’Art La Meute. Zu ihren jüngsten Arbeiten und Auszeichnungen zählen ein Preis der ECAL, der EXECAL-Preis, Aufenthalte in Mexiko und Algerien sowie Performances in unabhängigen wie institutionellen Kontexten.
Ausstellungstext
Fugitive Love hat die unmittelbare Qualität eines Refrains: zwei vertraute, fast popkulturell anmutende Wörter, deren Verbindung dennoch das Versprechen, das sie zunächst zu geben scheinen, aus dem Gleichgewicht bringt. Liebe (Love) wird gemeinhin als etwas verstanden, an dem wir festhalten, das wir schützen, benennen oder dauerhaft machen wollen. Das Flüchtige (Fugitive) hingegen bezeichnet etwas, das nur für einen Augenblick bestehen bleibt, sich dem Zugriff entzieht, sich auf der Flucht befindet, aber auch etwas, das sich der bestehenden Ordnung nicht unterwerfen will. Die Verbindung dieser Worte beschreibt daher nicht einfach eine Liebe, die verschwunden ist. Vielmehr verweist sie auf eine Beziehung, die sich bisweilen bewegen, undurchsichtig werden oder ihre Form verändern muss, um bestehen zu können.
Die Ausstellung nähert sich der Liebe über das romantische Paar hinaus und behält dabei ihre ganze Kraft von Begehren, Lust, Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Trauer und Widerspruch bei. Über Körper, Bilder, Kleidung, Orte und Erzählungen hinweg bringt die Liebe jede Vorstellung davon, dass sie einen eindeutigen Ort hat, ins Wanken. Sie verbindet Partner*innen, geliebte Menschen, Fremde, temporäre Gemeinschaften und Abwesende.
Was Liebe flüchtig macht, ist nicht unbedingt ihre Kürze, sondern ihre Weigerung, jene Formen anzunehmen, durch die eine Beziehung sichtbar, verständlich und legitim werden soll. Eine Beziehung sichtbar, benennbar und wiedererkennbar zu machen, bedeutet nicht zwangsläufig, sie zu emanzipieren, und nicht alles, was undurchsichtig bleibt, ist abwesend. Bestimmte Bindungen bestehen fort gerade, weil sie sich dem Besitz, der Klassifizierung, der Verwaltung oder ihrer unmittelbaren Überführung in konsumierbare Bilder entziehen. Wo ihnen Dauer und Anerkennung verwehrt werden, wird Flucht zu einer Methode: zu einer Möglichkeit, das zu bewahren, was nur weiterleben kann, indem es in Bewegung bleibt.
Fugitive Love bringt historische, etablierte und jüngere Positionen zusammen und verfolgt diese Strömungen von den 1980er-Jahren bis in die Gegenwart. Anstatt die Arbeiten um eine gemeinsame Darstellung von Liebe zu versammeln, schafft die Ausstellung einen Raum, der den Formen folgt, in denen Beziehungen fortbestehen: durch das, was sie verbergen, verschieben, zurücklassen oder am Leben erhalten.
Sophie Calles The Bronx wurde 1980 erstmals bei Fashion Moda gezeigt und bildet den historischen Ausgangspunkt der Ausstellung. Zuvor hatte Calle Bewohner*innen der South Bronx gebeten, sie zu Orten zu führen, die für sie von Bedeutung waren. Calle hielt diese Begegnungen mittels Fotografien fest: die Abbildungen zeigen die jeweilige Person vor den von ihnen ausgewählten Orten, ergänzt um ihre schriftlich festgehaltenen Aussagen. Diese Fotografien und Texte bildeten zusammen die bei Fashion Moda präsentierte Installation. In der Nacht vor der Eröffnung brachen Jugendliche aus der Nachbarschaft in die Galerie ein und bedeckten den Ausstellungsraum, darunter auch Teile der Installation, mit Tags. Statt die Spuren ihres Eingriffs zu beseitigen, entschied sich Calle, sie zu bewahren. Diese wurden zu einem wesentlichen Bestandteil der Arbeit und verschoben somit Calles Autorität über das Werk.
Bei seiner Performance The Aching verwandelt Samir Kennedy britische, irische und nordamerikanische Folk-Songs in eine körperliche Erfahrung, die zärtlich und brutal zugleich ist. Stimme, Bewegung und Wiederholung lassen den Schmerz zwischen dem Körper des Performers und dem vorübergehend zusammenkommenden Publikum zirkulieren. Trauer wird dadurch nicht länger als rein innerer Zustand erfahrbar, sondern zu einem Gefühl, das gemeinsam getragen wird. Die Performance findet am Samstag, den 12. September, um 17 Uhr statt und dauert 45 Minuten.
Roy Köhnkes Lederjacke aus der Serie Public Display of Affection hängt über das Treppengeländer der Galerie, als hätte sie gerade jemand ausgezogen und zurückgelassen. So wird das Kleidungsstück zum Stellvertreter für einen abwesenden Körper. Die ikonische Perfecto-Motorradjacke wurde immer wieder von Punk-, queeren und trans Communities aufgegriffen und als Medium politischen Ausdrucks im öffentlichen Raum genutzt. Mit handgezeichneten Motiven versehen, knüpft die Jacke an diese gemeinsame Geschichte an und verwandelt vertraute Liebeserklärungen in eine intime und widerständige Form der Ansprache, die in persönlicher Erfahrung gründet und zugleich über diese hinaus auf die Geschichte queeren und trans Widerstands verweist.
In BAE inszenieren sich Miriam Laura Leonardi und Gabriele Garavaglia gemeinsam auf einer Harley-Davidson. Das großformatige Porträt macht aus einer realen intimen Situation eine Fiktion, die zugleich popkulturelle, werbeartige und monströse Züge trägt. Die Beziehung zeigt sich genau in dem Moment, in dem sie sich verändert: zugleich offen und verborgen, geprägt von Begehren und der Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft, entzieht sie sich dem vertrauten Bild von Paar oder Familie.
In Housing Anxiety greift Irina Lotarevich auf das Vokabular des Wohnens, des Schlosserhandwerks und des Bauens zurück, um das elementare Bedürfnis nach einem geschützten Ort den abstrakten Systemen gegenüberzustellen, die den Zugang zu Wohnraum regeln. Die Arbeit bewegt sich zwischen schützender Struktur und Kontrollapparat. Sie erinnert daran, dass Intimität stets von materiellen, administrativen und wirtschaftlichen Bedingungen abhängt, die sie zugleich verunmöglichen können.
In Arbeiten aus Charly Mirambeaus Serie Solar Anus fassen Metallrahmen Holztafeln ein, auf denen Nägel, Pailletten und grafische Elemente durch Fäden miteinander verbunden sind. Ausgehend von autodidaktischen künstlerischen Praktiken und feministischen Materialtraditionen entwickeln diese Konstruktionen eine Bildsprache zwischen Ornament, Diagramm und Schrift. Ihre Konstellationen funktionieren wie Bilderrätsel ohne einen festgelegten Schlüssel: Sie lassen eine Syntax erahnen, entziehen sich jedoch einer eindeutigen Interpretation. In dieser instabilen Grammatik werden Abstraktion, Materialität und Ornament zu Werkzeugen, um neue Formen von Bedeutung zu erfinden.
In Boyfriend_00.JPEG konfrontiert Shahryar Nashat die vom Titel versprochene Intimität mit der technologischen Vermittlung durch den Bildschirm. Der geliebte Körper erscheint nie als vollständig zugängliche Präsenz: Gerahmt, fragmentiert, vergrößert und wiederholt, wird er zugleich nahbarer und schwerer greifbar. Dadurch wird sichtbar, wie Technologien, die dazu dienen, ein Bild zu bewahren, zugleich dessen Abwesenheit spürbar machen können.
Unyimeabasi Udohs dreiteilige Installation Franchise spielt mit dem französischen republikanischen Motto „Liberté, Égalité, Fraternité“, indem sie dessen letzten Begriff durch „Neutralité“ ersetzt. Die im Morsecode verschlüsselten und in Form von Wimpeln angeordneten Wörter werden materiell und sprachlich instabil. Das Werk eröffnet eine Lücke zwischen universellen Idealen und ihrer ungleichen Verwirklichung. Die Ersetzung durch „Neutralité“ verweist auf die Entscheidung derjenigen in Machtpositionen, angesichts von Ungerechtigkeit wegzusehen, und verwandelt das festliche Motiv in ein nüchternes Bild moralischer Feigheit.
Schließlich bergen Shirin Yousefis Skulpturen jeweils drei Videos, die wie Zentren der Aktivität in die Materie eingebettet sind. Sie zeigen in Endlosschleife Gazellen, die sich unablässig im Kreis bewegen und scheinbar vom Aussterben bedroht sind, sowie einen Zombie-Panzer, der in einer sich wiederholenden Kreisbewegung gefangen ist. Diese gegenläufigen Rotationen lassen dieselben Formen zwischen Euphorie und Angst, Anziehung und Flucht oszillieren. Je nach Standpunkt kann das, was wie ein Tanz erscheint, zu einer Einkreisung werden. So bleibt offen, ob die Körper sich einander nähern, einander schützen oder versuchen zu entkommen – auf der Suche nach verlorenen Horizonten.
Events
Bilder
Unyimeabasi Udoh, Franchise, 2025, Polypropylene, matte medium, retroreflective glass beads, and polyester twine. Installation in three parts, composed of Franchise (Liberté), Franchise (Égalité), and Franchise (Neutralité), all 2025, dimensions variable.
Courtesy of the artist.
Sophie Calle, The Bronx, 2002, detail, 28 pages, éd. Item éditions : Paris,
Courtesy of the artist and Item éditions.
Roy Köhnke, PDA (Public Display of Affection) Jacket #3_+2TIME4U (leather jacket version), 2025, laser-engraved leather jacket.
Courtesy of the artist. Photography: Salim Santa Lucia
Shahryar Nashat, Boyfriend_00.JPEG, 2022, (5 + 2 AP), HD video on LED wall, color/sound, 8 min.
Courtesy of the artist.