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The gallery festival with international curators in Vienna.
12.9. - 14.10.
THE NEUTRAL
Wien/Vienna
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Essay

Ariana Reines

 

Über die Liebe

 

KEIN Liebender?

Dann spinn doch Wolle.

 

Noch immer nichts?

Versuch einhundert Berufe, einhundert Handwerke,

einhundert Anliegen und Pfade.

 

Ist dann der Wein der Liebe

noch immer nicht in deinen Schädel eingedrungen,

so geh im Haus der Liebe in die Küche

und leck die Reste von den Tellern der Liebenden.

— Rumi, nach der englischen Übersetzung von Haleh Liza Gafori

 

Als ich klein war, daran erinnere ich mich, meinte ich, „Ode an die Freude“ sei der blödeste Name für ein Musikstück. Die Freude, meinte ich, muss man nicht lobpreisen. Freude ist offenbar etwas Gutes. Nun, da ich gelebt habe, verstehe ich etwas besser, warum Erwachsene in etwas wieder eingewiesen – wieder eingeweiht – werden müssen, was jedes Kind weiß.

Um ehrlich zu sein: Der Text von Schiller, den Beethoven für seine Neunte Sinfonie verwendet hat, inspiriert mich nicht besonders – aber was mich fasziniert, ist die Beinahe-Tautologie: die Feier von etwas, das ohnehin offenbar gut ist.

Ich verstehe, warum Gisèle Pelicot im Licht dessen, was sie erfahren hat, für ihre Memoiren den Titel Eine Hymne an das Leben gewählt hat. So lautet übrigens auch der Titel eines Gedichts von James Schuyler, das ich liebe:

Der Wind legt seine Wange auf den Boden und fühlt die kühle Feuchte

Und hebt den Kopf, in den sich Zweige und kleine dürre Grashalme

Eingedrückt haben, wie du vielleicht am Strand aufstehst und

Den Sand abwischst …

Was an Schuylers Gedicht magisch ist: Es handelt nicht offenkundig von der Liebe, ist aber spürbar AUS Liebe gemacht. Der Wind wird sinnlich, ein lebender Körper, der eine „Wange“ auf den Boden legt – beinahe wie eine Odaliske. Wahrnehmung als solche, die Qualität von Schuylers Aufmerksamkeit, macht diese Hymne zur Hymne.

„Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit“, so formulierte Simone Weil eine ihrer bekanntesten und vielleicht prophetischsten Einsichten. Magisch ist schon in diesen wenigen ersten Zeilen eines Gedichts, das zu Schuylers größten zählt, dass man die Liebe in der Qualität ihrer Aufmerksamkeit fühlen kann. Der Wind ist ein lebender Körper geworden. Liebe steckt darin, wie Schuyler seine Aufmerksamkeit zuwendet. Sein Gedicht erlebt die Welt im Licht eines Zustands der Anbetung.

Und dieser Zustand der anbetenden Wahrnehmung ist etwas Erhabenes, Geheimnisvolles, Mächtiges und Heilendes. Die Menschen vergessen ihn gewöhnlich (und glauben nicht mehr an ihn), weswegen wir seit unvordenklicher Zeit darauf angewiesen sind, dass Dichter*innen uns an ihn erinnern.

Das Gedicht von Schiller, das Beethoven für seine Ode an die Freude verwendet hat, ist bombastisch und aufgeblasen – die Worte selbst geben mir nicht viel. Aber die klangliche Erhabenheit, mit der die Neunte Sinfonie schließt, die Kühnheit und Tapferkeit brüderlicher Liebe – dieser Klang, das spüre ich, gibt mir den Mut, tapfer zu sein.

Und ermutigt zu werden, das bedeutet natürlich, dass einem das Herz – cor, cœur, corazón – gestärkt wird. Das Wort reimt sich auf das Maß, mit dem wir Elektrizität, Schwingung, Frequenz messen – ein Reich nicht direkt sichtbarer Verbindungen, von Zusammenklängen und Rhythmen, durch die wir uns selbst und einander erkennen.

Mein Herz schlägt – also bin ich.

Wenn 24 Kunstgalerien in Wien, der Geburtsstadt der Psychoanalyse, der Stadt Wolfgang Amadeus Mozarts, eine amerikanische Dichterin beauftragen müssen, ihnen etwas über Liebe zu schreiben, dann sind wir echt in Schwierigkeiten.

Ich kann nicht behaupten, dass ich irgendetwas über die Liebe weiß, außer dies: Wenn ich ihre Höhen erklimme, wird mir klar, wie dumm, wie falsch und wie eng ich in ihrem Licht gelebt habe.

Die Liebe ist eine Erfahrung, kein Gegenstand. Ich verspüre kein Bedürfnis, sie neu zu definieren: Mir genügt ihr Geheimnis und alles, was die griechischen Philosophen und die Mystiker*innen der Welt uns über sie erklärt haben.

Ich werde nur sagen, dass unser Problem heute eines der Orientierung ist. Vielleicht durchleben wir eine Zeit solcher spiritueller Verwahrlosung, solcher moralischer Verkommenheit, dass Menschen wirklich daran erinnert werden müssen, dass Liebe tatsächlich etwas Gutes und des Lobpreises Wertes ist und als Motiv oder Themenschwerpunkt von Kunst geeignet. Aber das eigentliche Problem ist, dass Liebe in den Strukturen unseren Gesellschaften nicht mehr im Mittelpunkt steht, nicht mehr ihr Fundament bildet.

Wir sind durch und durch verdorben und wissen das auch. Deshalb organisieren wir unsere gesellschaftlichen Interaktionen mit trostlosen Begriffen wie „Bindungsstile“, beschreiben Schwärmerei als Ausschüttung von Dopamin und Oxytocin, zitieren aus wissenschaftlichen Studien über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Dynamiken in unserem Familienleben, ersetzen psychoanalytischen Smalltalk durch astrologisches Palaver und beschreiben unsere künstlerischen Praxen mit pseudotheoretischem Geschwafel – entweder haben wir Angst, einfach offen zu sagen, was (oder wen) wir lieben, oder es ist auf dem Planeten mittlerweile so öde geworden, dass wir es gar nicht mehr wissen.

Aber es ist gut, dass das gesellschaftliche Miteinander bröckelt – und dass Binsenweisheiten über die Liebe uns inzwischen kalt lassen. Nichts kann mehr als selbstverständlich gelten. Nicht die Liebe von Eltern zu ihren Kindern, nicht die von Politiker*innen zu ihrem Land, nicht die von Geschwistern zueinander, nicht die von Lebenspartnern für die Menschen, mit denen ihre Tage und Nächte zu verbringen und Kinder großzuziehen und ihre Toten zu begraben sie sich aus freien Stücken entschieden haben. Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen ihren gewählten Beruf lieben, nicht einmal davon, dass sie ihr eigenes Leben lieben und wertschätzen, von ihrer Seele gar nicht zu reden.

Das Einzige, dessen wir uns in diesen grässlichen und banalen Zeit vielleicht sicher sein können, ist, dass Kinder auf die Welt kommen mit keinem Wunsch als dem, zu lieben und geliebt zu werden. Und dass sie in dieser Welt unablässig bombardiert, beschossen, in die Prostitution verkauft, missbraucht, betäubt und abgestumpft, von Bildschirmen benebelt, vernachlässigt und ausgenutzt werden.

„Wirklichkeit ist nicht“, schrieb Paul Celan, „Wirklichkeit will gesucht und gewonnen sein.“

Rumi hatte recht. Wenn du nichts über die Liebe weißt, versuche alles andere, lerne alles andere, das du lernen kannst. Dann solltest du merken, wie die Liebe ganz natürlich, organisch, in deine Welt eintritt – und dich in dem, was du tust, leitet und beeinflusst. Aber wenn du sie immer noch nicht fühlst – und heutzutage sind viele von uns zu zermürbt, um überhaupt irgendetwas wirklich zu fühlen –, dann kannst du die Teller der Liebe ablecken, indem du Gedichte liest.

Als Kunstform, die zuinnerst dem Brief verwandt ist, ist Lyrik praktisch aus Freundschaft, aus Eros, aus Agape gemacht. Sie ist aus dem anderen gemacht – sie quillt von all dem über, was sie selbst nicht ist. Berauscht von diesem Unermesslichen ist Dichtung ihrem Wesen nach nur ein paar aneinandergereihte Wörter. Beinahe gar nichts.

Aber sie lässt dein Herz anders schlagen, gibt deiner Seele eine neue Richtung, lässt dich wieder atmen, wenn du vorher am Ersticken warst, lässt dich bei allem unvorstellbaren Schmerz weiterleben, schenkt dir diesen allerkleinsten Funken, der dir hilft, die einsetzende Totenstarre zu überwinden, das Gefühl, verwitwet zu sein oder in einer Wirklichkeit ausgesetzt, die all ihre Schätze dem Blödsinn zu opfern scheint, bevor sie auch nur begreift, was und warum.

Warum hat Dichtung diese Macht? Ich weiß es nicht. Man könnte meinen, die Kunstform selbst sei ein Synonym für Liebe, so wie man meinen könnte, Freude bedürfe keinen Lobpreises. Aber wie alles andere kann auch Dichtung in diesen Tagen geistlos und unaufrichtig sein, angepasst und prätentiös, narzisstisch und manipulativ usw. usw.

Und doch reitet noch das schlechteste Gedicht auf der Welt gewissermaßen auf einer Welle, die sich zuerst erhob, noch bevor es Schrift gab, die mit dem allerersten Gesang begann und noch davor, mit Ausrufen, die Liebe, Geburt und Todeskampf den Menschen entlockten, mit den Klängen von Vögeln und Insekten, mit der Stimme von Wind und rauschendem Wasser.

Ich spiele seit einer Weile in Gedanken mit einer Theorie, die ich nie werde beweisen können. Hier ist sie: Sprache gäbe es nicht ohne eine unschuldige, ungestüme Großzügigkeit im Innersten des Menschen, die ihn drängt, etwas von sich – sein Erleben – einem anderen zu schenken. Damit es Sprache gab – denn es ging nie nur darum, sumerische Rinder zu zählen –, musste ein Körper sich danach sehnen, einem anderen Körper sein Wissen zu schenken.

Ist das nicht Liebe?

Ich sage: Stürz dich hinein.

Mach Liebe nicht zu „einer Praxis“.

Mach Liebe und vermassel sie.

Lass sie ans Steuer.

Sieh, was passiert, wenn du dich weigerst, dorthin zu gehen, wo die Liebe nicht hinreicht, oder in einer Form, einem Medium zu schaffen, die dein Herz nicht zum Singen bringen …